Die Schubkarre

Nur mal so mulitkulti vorne weg: in Österreich heißt die Schubkarre „Scheibtruhe“. Ansonsten meine ich das Gerät, was vorne ein Rad hat (das gibt es auch mit zwei Rädern) und hinten zwei Füße und oben drauf eine Wanne. Auf der Seite der Füße gibt es zwei Griffe, mit denen man die Karre anheben kann und dann geht es vorwärts.

„Kannste Karre schieben, kannste Arbeit kriegen.“ (Sprichwort meines Vaters) Ich vermute ja, dass die Schubkarre gleich nach der Erfindung des Rades kreirt worden ist. Sie ist jedenfalls das Multifunktionstool schlechthin. Ganz gleich, was man transportieren will, fast alles passt irgendwie in oder auf eine Schubkarre. Das macht sie bei uns auch zu potentiellen Lagerplätzen. Wir haben fünf Schubkarren und gefühlt ist jede Karre voll. Bis auf die Karre mit dem platten Rad. Das ist die Achillesferse der Schubkarre – das Rad. Handelsüblich wird die Karre mit einem Reifen mit Schlauch innen ausgeliefert. Das fährt sich schön, geht aber leider auch kaputt. Aber Schubkarrenliebhaber haben das unkaputtbare Rad erfunden. Es ist aus Vollgummi und ihm machen keine gefährlichen Untergründe was aus. Dafür hoppelt die Karre etwas mehr. Das gibt sich aber, wenn man schwere Dinge transportiert.

Die Schubkarre ist aus dem Blickfeld des Städters verschwunden. Das liegt vermutlich daran, dass man sie nicht zusammenfalten kann. Sie nimmt auch viel Platz im Eingangsflur weg. Außerdem ist sie schnell mal geklaut. Auch in der Stadt kann jeder eine Schubkarre gebrauchen. Wenn man die Schubkarre in den Kofferraum eines Autos packen könnte, dann wäre jedes Landei bei Ikea sofort zu erkennen – es käme mit der Schubkarre.

Für die Schubkarre gibt es ein paar angepasste Designs und Tools. Bei den Pferdeleuten ist die Karre sehr groß und hat vorne zwei Räder. Außerdem gibt es dann eine Kippfunktion. Und mit einem Motor kann man sie auch kaufen. Der durchschnittliche Gartenbesitzer schiebt aber selbst. Man muss nicht lange üben, um durch schmale Gänge und über Hoppelpisten zu kommen. Und wenn es sich nicht um die alte DDR-Karre handelt, kann man sie auch mal eben hochheben, um das Ziel zu erreichen. Ansonsten hat sich an dem Aussehen der Schubkarre, seit ich denken kann, nichts verändert. Es gibt einfach Dinge, deren Funktionalität und Design einfach so perfekt sind, dass sie bleiben wie sie sind.

Mein Auto bleibt

Ich schiebe gleich vorweg, dass ich auf hohem Niveau jammere, wenn ich es denn tue. Ich stelle aber mal wieder fest, dass man sich das Leben auf dem Land leisten können muss. Wenn der Städter auf billigen Wohnraum auf großer Fläche schaut, vergisst er häufig, dass die Kosten an anderer Stelle entstehen.

Aktuell entstehen die Kosten an der Zapfsäule. Ich bin schon vorher ein Auto gefahren, dessen Wert sich bei einer Tankfüllung verdoppelt hat, jetzt verdreifacht er sich. Zum Glück lässt sich mein Tankdeckel abschließen, ansonsten würde ich mich beim Parken an der Straße nicht sicher fühlen. Zum Glück steht das Auto die meiste Zeit auf dem Hof. Und jetzt steht es eben noch ein bisschen mehr. Das ist dem Auto vorher schon nicht so gut bekommen, aber ich will auch nicht unnötig den kostbaren Sprit verfahren. Jetzt geht es darum genau Pläne zu schmieden, wenn eine Fahrt in die Stadt ansteht. Der regelmäßige Termin beim Physiotherapeuten wird selbstverständlich mit dem Einkauf verbunden. Wenn ich es geschickt anstelle, dann kann ich sogar noch eine Freundin besuchen. Schwieriger ist es mit anderen Arztterminen. Bei den Ärzten hat man ja kaum die Wahl eines Termins, sondern muss nehmen was man bekommt. Um so wichtiger ist es dann seinen Einkaufszettel aktuell zu haben und die Arbeitszeiten der FreundInnen im Blick. Zum Glück kann man Freizeitangebote online checken, so dass auch hier Kombinationspotential ist. Da schafft man es vielleicht zur Demo nach dem Arzt.

Und wie ist es mit alternativen Fortbewegungsmitteln? Eine Influenzerin hat passend bemerkt, dass ein Pferd immer noch teurer ist als ein Auto. Da hat sie recht. Außerdem ist die Infrastruktur der Städte einfach nicht mehr auf Pferde ausgelegt. Das Fahrrad ist flexibel, schnell und kostengünstig (also bis auf den Kauf). Aber ich bin wetterfühlig und unsportlich. Und spätestens beim Lastentransport verliert das Fahrrad. Das wäre nur etwas für den Freizeitbereich. Was ist mit den Öffis? Hier fährt jede Stunde ein Bus, wenn ich es rechtzeitig anmelde. Wenn ich mich recht erinnere, sogar bis Abends um sieben. Die Transportmöglichkeiten sind auch hier begrenzt und hoher Spritpreis hin oder her – es ist immer noch teurer mit dem Bus als die 20km mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Je größer die Entfernung, desto eher lohnt sich der Umstieg. Die 150km in die Großstadt sind mit der Bahn jetzt deutlich billiger. Das klappt aber nicht von der Haustür aus. Oder besser gesagt, das ist extrem umständlich. Doch es rechnet sich auch noch, wenn man zur nächsten Bahnstation mit dem Auto fährt und von da aus umsteigt.

Ergo – mein Auto bleibt.

Recht und billig?

Manchmal habe ich mit Freunden, die in der Stadt wohnen und auch von da stammen merkwürde Diskussionen. Dann springt mich mitunter ein Thema an, dass anscheinend in der Stadt und auf dem Dorf unterschiedliche Auswirkungen hat.

Dieses Mal ging es darum, wann man wo im Recht ist. Da gibt es den privaten Parkplatz, der in der Stadt sehr kostbar ist. Ist er unberechtigt zugeparkt, ruft man den Abschleppdienst. Auf dem Dorf klingelt man an der Haustür, vor dem das Auto steht, geht durch die Hintertür rein oder brüllt: „Kannst du mal deine Karre wegfahren?“. Oder auch das Ruhegebot am Abend oder am Sonntag. Brüllt man in der Stadt aus dem Fenster: „Mach mal deinen Laubpuster aus?“? Hier wirft man am nächsten Sonntag einfach die Flex an, wenn der Nachbar letzten Sonntag mit dem Bagger seinen Swimmingpool ausgehoben hat. Ich erinnere mich noch, wie der Trettrecker meiner Kinder eines Tages verschwunden war. Es war kurz nach dem Abholtermin vom Sperrmüll, der damals noch an fixen Tagen zweimal im Jahr kam. Das hatte zur Folge, dass an den Tagen Autos mit osteuropäischen Kennzeichen durch die Straßen fuhren und den Sperrmüll nach brauchbaren Gegenständen absuchten. Das gibt es so leider nicht mehr, aber das ist hier ja nicht das Thema. Jedenfalls war ich der Ansicht, dass der Trettrecker jetzt ein Kind in Rumänien glücklich machte. Tatsächlich war es aber ein Kind aus dem Dorf, dass den Kindertrecker entführt hatte. Der Trecker durfte da bleiben. Inzwischen ist dieses Kind groß und kommt noch ab und an ins Dorf. Vielleicht sollte ich jetzt mal mit ihm reden und fragen, ob mein Überlassen für ihn in Ordnung war.

Im Großen und Ganzen werden die Dinge im Dorf möglichst ohne Einschalten der Polizei geregelt. Das funktioniert nicht immer. Wenn ein schräger Vogel im Dorf andere regelmäßig körperlich bedroht, dann ist da auch mal Schluss. Aber solange nur ab und an ein Huhn verschwindet und den Kochtopf des schwer trinkenden Dorfbewohners bereichert, ist man durchaus großzügig. Und wenn die Jugendlichen ohne Helm mit ihren Simsons oder ähnlichen Zweirädern durch die Straße knattern, dann fällt mir ein, dass mein damals Zwölfjähriger alle Weglampen auf dem Hof mit dem großen Trecker umgemäht hat.

Aber hier ist auch kein rechtsfreier Raum. Eher kann man es als eigene Interpretation von Recht und Gesetz bezeichnen. Wie wir als junges Ehepaar in das Haus gezogen sind, haben wir unseren Rinnstein nicht sauber gemacht. Anfangs wussten wir es nicht und danach fragten wir uns, warum das die Gemeinde nicht selbst tut. Der damalige Bürgermeister kam zu uns, und bat uns den Rinnstein zu fegen. Wir waren empört. Heute gehe ich schon mal zu den Leuten und bitte sie den Rinnstein zu säubern. Und ich erkläre ihnen auch warum. Das Zusammenleben funktioniert einfach besser, wenn jeder seinen kleinen Teil dazu beiträgt. Und dazu gehört auch, dass man sich mal was sagen lassen muss. Mir ist es lieber, wenn der Nachbar mich darauf hinweist, als dass die Polizei vor der Tür steht.

So ganz ohne die Ordnungshüter geht es auch nicht. Manche Dinge sind eine Nummer zu groß. Manchmal werden sie aber auch größer gemacht, als nötig. Letztes Jahr klingelte die Polizei bei mir an der Haustür. Es wäre gemeldet worden, dass illegal Abfall verbrannt werden würde. Ich war konsterniert. Wenn es bei uns brennt, wäre es nett die Feuerwehr zu rufen. Und noch mutiger wäre es gewesen, selbst an meiner Haustür zu klingeln. Die Ursache vom Brand war ein Heuballen, der sich selbst entzündet hatte. Mein Mann hatte es bereits bemerkt und war beim Löschen. Sonst hätten wir womöglich doch die Feuerwehr gebraucht und nicht die Polizei. Aber besser es hat überhaupt jemand bemerkt, als dass es weiter gebrannt hätte.

Petition für schlechte Straßen

Aus aktuellem Anlass möchte ich hier eine Petition erstellen, die sich dafür einsetzt, dass mindestens 10 Prozent der Straßen in einem miserablen Zustand sein sollten.

Die Straßenqualität lässt sich in drei Stufen teilen. Die erste Stufe ist eine gute Straße: Es gibt keine Löcher, der Belag ist glatt, die Straße ist breit genug für zwei Trecker nebeneinander. Die zweite Stufe sind Straßen im Zustand „geht so“. Diese Straßen haben keine Löcher, der Belag darf schon mal wellig sein oder geflickt, Bankette sind ausgefahren, weil man großen Fahrzeugen ausweichen muss. Die dritte Stufe sind Straßen mit Löchern, Flicken, die das Auto wackeln lassen und weggebrochene Bankette. In diese Stufe gehören auch Straßen mit Kopfsteinpflaster.

Nach meinem subjektivem Erkenntnisstand sind die meisten Straßen in Deutschland Stufe zwei. Ich setze mich dafür ein, dass 10% der Straßen der Stufe drei erhalten bleiben.

Begründung: Schlechte Straßen verleiten dazu langsamer zu fahren. Auf schlechten Straßen schlafen Kinder im Auto deutlich besser. Schlechte Straßen bedeuten ausreichend Arbeit für KFZ-Werkstätten. Daran hängen im folgenden auch die Zulieferer. Und seit neuestem weiß ich auch, dass schlechte Straßen, Pferden das Leben retten. Mein Pony hatte ein Darmproblem, dass zu starken Schmerzen führte. Das nennt man Kolik. Mit Hilfe von Medikamenten und einer längeren Fahrt über Straßen der Stufe drei, konnte die Kolik gelöst werden.

Die Bushaltestelle

Wo trifft man sich im Dorf eigentlich? In meinem fortgeschrittenen Alter ist es eine Kneipe, ein Einkaufsmarkt oder der Gartenzaun. Die Jugendlichen haben vielleicht einen Jugendclub, das Gartenhäuschen in einer Familie oder eben die Bushaltestelle.

Hier wird die Bushaltestelle einfach „Bussi“ genannt. Sie liegt zentral im Dorf. Lange bestand sie aus einem Häuschen aus Beton. Da drunter war es trocken und hat gestunken. Außerdem waren die Wände bemalt. Das entsprach wohl nicht den Schönheitsidealen der Erwachsenen. Und so wurde mit viel Geld das Häuschen abgerissen und durch einen luftigen Glasbau ersetzt. Ich persönlich finde es schade. Aber dem Treffpunkt hat es nicht geschadet. Jetzt sitzt die nächste Generation dort auf der Bank.

Sind die Treffpunkte in der Stadt eigentlich anders? In dem Dorf meiner Jugend gab es kein Bushäuschen. Statt dessen haben wir uns auf dem Zaun an der Kirche getroffen, nachdem wir aus allen anderen Örtlichkeiten raus geflogen sind. Der Jugendraum wurde irgendwann umgewidmet. Den Inhabern des Gartenhäuschens waren zwanzig Jugendliche irgendwann zuviel. Und auf dem Dachboden der Garage einer wundervollen alten Tante haben wir für den Heizlüfter im Winter zuviel Strom verbraucht. Auch wenn es sich so anfühlte, aber der Verlust unserer Treffpunkte war nicht wirklich verantwortlich für die Auflösung unserer Clique.

Bei uns gibt es fußläufig erreichbar keine Kneipe mehr. Da muss man schon 5km fahren, bis man zum Stammtisch kommt. Das ist sehr bedauerlich, denn der Stammtisch ist eigentlich die Selbsthilfegruppe auf dem Dorf. Er ist immer noch eher männlich geprägt. Die Frauen haben sich früher in der Kirche getroffen. Aber dies Geschlechter-Trennungen weichen sich auf.

Die Party

Ich bin der festen Überzeugung, dass nur Partys auf dem Dorf, wirklich gute Partys sind. Geht euch das auch so?

Es geht schon mit der Suche nach einer Location los. Nehmen wir den Sportplatz? Also die Wiese hinter dem Kindergarten, wo zwei Tore stehen. Die wird regelmäßig gemäht. Wir können auch hinten im Garten feiern. Wenn man jünger ist, dann trifft man sich an der Kirchenmauer oder in der Bushalthaltestelle. Den Saal kann man auch mieten. Oder man fragt den Nachbarn, ob es in seiner Scheune geht. Auch der See bietet ein schönes Ambiente. Möglichkeiten gibt es reichlich. Der Geldbeutel wird meistens geschont. Die Nachbarn lädt man mit ein oder bietet einen Altenkaffee am Nachmittag an. Je mehr man das ganze Dorf mit einbezieht, desto wahrscheinlicher ist es, dass niemand sich wegen Ruhestörung beklagt.

Bei der weiteren Organisation kommt es darauf an, wie die Erwartungen der Gäste sind. Eine Silberhochzeit feiert man am ehesten im Saal, aber auf der Koppel geht es auch. Die Jugendlichen bevorzugen den See oder den Garten. Für den Altenkaffee eignet sich die die Scheune gut. Genau so unterschiedlich sind dann die Ansprüche an das Essen. Ganz prima klappt es, wenn man eine „Mitbring“-Feier ausruft. Zum Kaffeetrinken wird man sowieso schon von den dörflichen Gästen gefragt, welcher Kuchen mitgebracht werden soll. Oder man wird nicht gefragt, kann sich aber darauf verlassen, dass irgendein Kuchen den Weg zur Feier findet. Bei anderen Feierlichkeiten sollte man den Strom von Grillgut, Salaten oder Nachtisch etwas steuern. Die Reste bleiben nämlich immer beim Gastgeber. Da sitzt man mitunter mehrere Tage auf Nudelsalat, weil so viele Gäste den mitgebracht haben. Und der Ehre halber ist jeder Salat selbstgemacht. Sicherheitshalber sollte man vorher Plastikschachteln mit Deckeln sammeln. In die kommen vor Ende der Feier die Reste und werden gerecht an alle Gäste, die nicht rechtzeitig Nein sagen, verteilt.

Das unangenehmste Problem sind die Dinge, die man wieder los werden will – üblicherweise und hoffentlich auf den Toiletten. Selbst wenn es viel Platz für wenige Party-Gäste gibt, sollte es dafür einen ordentlichen hygienischen Platz geben. Am Ende laufen, wenn Alternativen fehlen, ja doch alle auf das Klo im Haus. Es lohnt sich dafür eine gute Lösung zu finden, denn das Putzen am nächsten Tag, ist einfach kein Spaß. Einfacher ist es hingegen mit den Schlafplätzen, wenn die Gäste unter 40 Jahre sind. Es gibt auch ältere Semester, die das Zelt eine adequate Lösung finden (die sind meistens männlich). Je nachdem, wie sehr einem die Gäste am Herzen liegen, kann man mit ein paar Ersatz-Iso-Matten bis hin zu Luftmatratzen aushelfen. Ansonsten passiert es, dass fünf Leute auf dem Sofa schlafen, weil es auch im August nachts ganz schön kalt draußen ist.

Die meisten Partys sind nur so gut wie die Musik, die läuft. Eine Playlist ist da keine gute Idee. Wenn die Party richtig gut sein soll, dann sucht man einen DJ. Die Musik ist aber auch meistens das größte Problem, im Zusammenleben mit den Nachbarn. Da ist schnell mal die Polizei auf dem Hof, die höflich darauf hinweist, dass es zu laut ist. Es ist daher sehr hilfreich seine Nachbarn auf die Lärmbelästigung rechtzeitig hinzuweisen. Am besten lädt man die ganze Nachbarschaft mit ein. Man kann mit kostenlosem Essen locken, denn davon ist in den meisten Fällen ausreichend da. Kommt die Polizei dennoch, sind Diskussionen sinnlos. Da hilft es nur die Lautstärke runter zu drehen, ein nettes Gespräch mit den Ordnungshütern zu führen und versuchen herauszufinden, wem man denn auf die Füße getreten hat. Entschuldigt man sich am nächsten Tag bei demjenigen, könnte sich das Problem bei der nächsten Feierlichkeit eventuell schon erledigt haben.

Jetzt braucht man nur noch eine hilfreiche Truppe, die beim Aufbauen und Aufräumen hilft. Dann steht der nächsten Party nichts mehr im Weg.

Alkohol

Statistisch trinken Jugendliche, die auf dem Dorf wohnen früher und mehr.

Wird auf dem Dorf eigentlich mehr Alkohol getrunken als in der Stadt? Ich will nicht lange drumrumreden – Ja wird es! Da gibt es sogar Statistiken drüber. So kompliziert muss man sich das aber nicht machen. Es genügt vollkommen zum Osterfeuer ins Dorf zu kommen und mal selbst zu gucken. Dabei geht es aber nicht ausfallend oder auffällig zu, nur irgendwie ist so eine Flasche Schnaps erstaunlich schnell leer.

Dieser erhöhte Konsum beruht definitiv nicht auf Langeweile oder Frust. Auf dem Dorf ist es auch nicht notwendig sich Mut anzutrinken, schließlich kennt einen ja eh jeder. Dafür bangt man weniger um seinen Führerschein. Entweder ist man zu Fuß oder mit dem Fahrrad da, oder man wird nach Hause gefahren oder pennt auf dem Sofa bei einem Freund. Es gibt auch die Bierstraßen, aber die waren schon immer der ländlichen Polizei bekannt. Da wo man vor 20 Jahren noch mal durchgewunken wurde, weil man auf der Strecke morgens um eins wirklich niemanden gefährdet hat, wird man heute doch schon mal zum Pusten aufgefordert. Die Zunahme des Autoverkehrs im ländlichen Raum, fordert eben ihren Tribut.

Es gibt auch diverse alkoholische Kuriositäten. Wer mutig ist, trinkt den Selbstgebrannten vom Nachbarn. Wen der Konsum von Kräuter, Pflaume und Korn langweilt, der setzt schon mal Likör an. Das haben wir hier auch schon gemacht. Denn wohin mit dem ganzen Obst im Herbst? Also kam die Quitte in den Wodka und die Wallnuss in den Korn. Das Zeug steht jetzt schon länger bei mir im Regal, weil ich mich kaum traue es anzubieten. Quittenlikör klingt auch auf dem Dorf exotisch. Und ich müsste gegen den Quittenlikör des Nachbarn ankommen. Der war nämlich sehr, sehr gut gelungen. (Die Feier, wo wir ihn probiert haben, übrigens auch – und am Ende war er leer.) Die Wallnuss hingegen ist recht gut gelungen und kommt auch so gut an, dass wir das wiederholt haben. Aber aus unerklärlichen Gründen schmeckt es nie gleich. Meine Kinder haben versucht mir das mit Bio und Physik und dem fehlenden Rezept zu erklären, aber ich finde, wenn man Korn und Wallnuss mischt und Zucker reingibt, sollte es immer gleich schmecken.

Am Ende setze ich auf den Effekt, dass man nach dem dritten Glas eh nicht mehr weiß, was man da trinkt. Und ich schenke mir dann noch einen Eierlikör ein – den Selbstgemachten – von Oma Evi.

Keine Werbung

Nachdem Cindy ja wunderbar einen Text zum Jubiläum von Mondscheintomate erstellt hat, lehne ich mich da mal faul zurück und überlasse ihr die Lorbeeren. Oder hat das schon was mit Werbung zu tun? Es ist ja eigentlich nur Werbung für die Mondscheintomate, denke ich. Oder mache ich Werbung für das Dorfleben? Ich hoffe nicht!

Das mit dem Dorf ist wie mit der unberührten Natur oder dem Geheimtipp. Wenn es jeder weiß und jeder dahin will, dann ist es nicht mehr das Gleiche und schon gar nicht mehr was Besonderes. Die Dinge leben davon, dass nur wenige Menschen es zu schätzen wissen. Eine meiner Influencerinnen (auch Content Creator genannt) sagte mal in einem anderen Zusammenhang: Nur angucken, nicht anfassen und einfach weitergehen. Das passt auch für’s Dorf. Sicher braucht es auch immer mal wieder Zuzug, aber der findet sich auch ohne Werbung. Die Gemeinden hören das nicht so gerne. Sie erhalten mehr Geld, je mehr Menschen im Ort wohnen. Das soll ja dann angeblich gut für die Dorfbewohner sein. Aber es muss im Rahmen bleiben.

Wie viele Orte, haben auch wir ein Neubaugebiet. Dort stehen jetzt 5 Häuser. Ich glaube es sind 27 Bauplätze vorgesehen. Das Gebiet wurde vor 30 Jahren eingerichtet. Jetzt sind auf einen Schlag 5 Bauplätze verkauft worden. Das bedeutet, dass sich die Anzahl der Dorfbewohner von ca. 455 auf knapp 500 erhöhen wird. Wenn alle Bauplätze vergeben sind und kein Haus in ein Ferienhaus ohne feste Bewohner umgewandelt wird, dann erreichen wir womöglich die 600 Menschen. Ich hoffe dann ist auch Schluss. Immmerhin möchte ich doch jeden noch kennen und Zeit haben jeden kennenzulernen.

Warum Dorf?

Ganz aktuell gibt es eine kleine Landflucht. Sie wäre vermutlich größer, wenn die Imobilienpreise niedriger wären oder Bauholz bezahlbar. Tatsächlich haben sich diverse Menschen entschlossen der Stadt jetzt entgültig den Rücken zu kehren. Und andere Menschen haben festgestellt, sie können ihren Job mitnehmen. Das ist nämlich Bedingung – entweder fährt man oder besser man bringt seine Arbeit mit aufs Land. Es gibt ein paar Verrückte, die erschaffen im ländlichen Raum ihre Arbeit, indem sie Kunsthandwerk gestalten, eine Imbissbude aufmachen oder Kanus verleihen. Das kann man machen, ist aber mehr Lebensgefühl als Geld. Man tut sich mit dem Dorf leichter, wenn man schon auf dem Dorf groß geworden ist. Dann ist man auch bereit auf diverse Dinge zu verzichten, für den Dorf-Flair. Oder man hat romantische Vorstellungen vom Dorfleben, in dem die Hähne krähen, es frische Eier vom Nachbarn gibt und beim Dorffest Polka getanzt wird. Auf letztere würde man im Dorf gerne verzichten. Manchmal will man sein Leben aber auch umkrempeln, ausmisten, verändern, naturnaher gestalten, dann findet man vielleicht sogar das richtige Dorf. Allerdings sollte man nicht auf das was man unter natur oder öko versteht zu ernst nehmen, sonst gerät man in einen geistigen Konflikt, wenn der Nachbar auf dem Lagerfeuer die Plastikteller entsorgt. Und es ist nicht unbedingt leicht zu verstehen, dass Bauschaum im Altbau wunderbar Probleme lösen kann, wobei die Lösung vom Bauschaum ignoriert wird.

Mecklenburg hat gute Voraussetzungen für Stadtflüchtlinge. Es gibt eine Menge Toleranz gegenüber Neulingen, die nicht wissen, wer vor 40 Jahren auf Hufe 8 gewohnt hat. Man ist auch geduldig mit Rasenfanatikern und naturnahen Gartenfreaks. Etwas ungeduldiger wird es, wenn der Neue es besser weiß. Aber das ist nirgendwo gern gesehen. Andere Ecken von Deutschland tun sich da schwerer mit denen aus der Stadt, die in hellen Hosen am Sonntag mit dem Fahrrad vorbei fahren. Da bedarf es vom Zugegzogenen schon eine Menge Feinfühligkeit, um anzukommen. Und in manchen Ecken bleibt man einfach außen vor. Das Besondere am Dorf bleibt eben nur erhalten, wenn da nicht jeder Hans und Franz hinzieht. Da bedarf es schon eines Testlaufes, einer Feuerprobe und einer gewissen Anpassungsphase, damit ein Dorf auch ein Dorf bleibt. Das wird selbstverständlich überwacht. Was die einen als Zusammenhalt des Dorfes preisen, in dem man noch seinen Nachbarn kennt, empfinden andere eher als unzumutbare Überwachung. Es ist einfach normal, dass man am nächsten Morgen Dorfgespräch ist, wenn man am Abend vorher spät und womöglich noch angetrunken nach Hause gekommen ist.

Es ist immer eine Frage des Blickwinkels. Kann ich damit leben, dass ich eine Speisekammer brauche, die auch gefüllt sein muss? Auf dem Land geht man nicht mal eben eine Butter holen. Es sei denn man leiht es sich beim Nachbarn. Ist es für mich in Ordnung, dass jeder weiß welche Farbe meine Unterwäsche hat, weil man auf meine Wäscheleine gucken kann, oder besorge ich mir besser trocknerstabile Wäsche? Ich liebe es unterbrochen zu werden, weil ein Nachbar am Grundstück vorbei kommt auf einen Klönschnack. Aber wer zügig mit der ungeliebten Gartenarbeit fertig werden möchte, fühlt sich vielleicht bedrängt. Es ist manchmal merkwürdig, dass jeder weiß, wer ich bin und ich oft genug nicht weiß, dass ich den Cousin vom Halbbruder von dem Nachbarn gegenüber vor mir habe. Aber daran arbeite ich hart!

Wieviel Foto braucht man?

Das digitale Erbe

Mal eben das Handy nehmen und ein Bild machen. Ich drücke auch gerne mehrmals den Nachkommen des Auslösers und die Bilder prasseln nur so in meinen digitalen Speicher, der spottbillig ist. Mein aktuelles Smartphone macht aus einem Bild einen Miniaturfilm, damit man sich das beste Motiv heraussuchen kann. Mit einem Klick mal eben 20 Aufnahmen, die fast egal aussehen.

Meine Cloud ist aus Geiz begrenzt und der Speicherplatz meines Smartphones auch. Somit lade ich regelmäßig die Bilder auf die externe Festplatte, die mit einem kostengünstigeren Cloudangebot verbunden ist, damit ja keines der 3000 Bilder jeden Monat verloren geht. Und es herrscht Ordnung in meinen Bildern. Seit 2006 fotografiere ich digital. Für jedes Jahr gibt es einen Ordner mit Unterordnern. Ein bisschen habe ich umgemodelt, denn anfangs war Speicherplatz sehr viel teurer und es waren keine 1000 Fotos im Monat. Da habe ich noch nach Ereignissen sortiert. Jetzt ist nach Jahr und Monat sortiert. Und weil der Datenwust so groß ist, mitunter noch nach weiteren Unterordnern. Ich liebe Fotos und durchsuche auch die alten Ordner regelmäßig, ärgere mich über Unordnung oder falsche oder fehlende Metadaten in den alten Bildern. Tatsächlich gucke ich meine analogen Fotos seltener an.

Das hindert mich nicht, Fotobücher zu erstellen, die niemand anguckt. Meine Versuche Urlaub in ein spannendes Fotoalbum zu quetschen, war bisher nicht von Erfolg gekrönt. Was in meinem digitalen Ordner wie eine gute Idee aussieht, liegt wie Blei im Regal. Und dann sind da noch die alten Fotoalben von früher. Hunderte von eingeklebten Bildern mit Untertiteln und Datum – jedenfalls bei mir. Ich habe die Alben auch mal eingescannt. Aber das sind Scans von ganzen Seiten. Die einzelnen Bilder müssten da händisch raus geholt werden. Eine Arbeit, zu der ich so gar keine Lust habe. Vielleicht ist es mir das ja irgendwann mal wert, es machen zu lassen. Denn dazu kommen die geerbten Fotoalben der Verwandtschaft. Was macht man mit einem Album, in dem Menschen zu sehen sind, von denen man nur einen kennt? Interessant sind die Fotos aus den 60iger und 70iger Jahren schon. Da sieht man die alten Autos, Straßen, die Kleidung und den Gasthof früher einmal. Interessiert das heute noch jemanden?

Was wird also aus meinem digitalen Erbe? Eine Bekannte von mir, hat gerade alles gelöscht und weg geworfen. Bei dem Gedanken steigt Panik in mir auf. Was wenn jemand gerade mein Bild für die Chronik vom Dorf braucht? Und ist es nicht so, dass jemand erst ganz gestorben ist, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert? Will ich vergessen werden? Auf der anderen Seite frage ich mich, was man mit unzähligen Fotos von meinen Ponys will. Ein schönes Bild von der Seite und eine vernünftige Abstammung dazu, wäre ja vollkommen ausreichend.

Ich werde dennoch nachher wieder den Auslöser drücken und noch ein Bild vom Hintern meines Pferdes machen. Ich werde mich freuen es zu archivieren, die Metadaten anzupassen und es irgendwann hervorkramen und ein Fotobuch daraus erstellen, dass niemand durchblättern. Warum auch nicht?!?