Die Bushaltestelle

Wo trifft man sich im Dorf eigentlich? In meinem fortgeschrittenen Alter ist es eine Kneipe, ein Einkaufsmarkt oder der Gartenzaun. Die Jugendlichen haben vielleicht einen Jugendclub, das Gartenhäuschen in einer Familie oder eben die Bushaltestelle.

Hier wird die Bushaltestelle einfach „Bussi“ genannt. Sie liegt zentral im Dorf. Lange bestand sie aus einem Häuschen aus Beton. Da drunter war es trocken und hat gestunken. Außerdem waren die Wände bemalt. Das entsprach wohl nicht den Schönheitsidealen der Erwachsenen. Und so wurde mit viel Geld das Häuschen abgerissen und durch einen luftigen Glasbau ersetzt. Ich persönlich finde es schade. Aber dem Treffpunkt hat es nicht geschadet. Jetzt sitzt die nächste Generation dort auf der Bank.

Sind die Treffpunkte in der Stadt eigentlich anders? In dem Dorf meiner Jugend gab es kein Bushäuschen. Statt dessen haben wir uns auf dem Zaun an der Kirche getroffen, nachdem wir aus allen anderen Örtlichkeiten raus geflogen sind. Der Jugendraum wurde irgendwann umgewidmet. Den Inhabern des Gartenhäuschens waren zwanzig Jugendliche irgendwann zuviel. Und auf dem Dachboden der Garage einer wundervollen alten Tante haben wir für den Heizlüfter im Winter zuviel Strom verbraucht. Auch wenn es sich so anfühlte, aber der Verlust unserer Treffpunkte war nicht wirklich verantwortlich für die Auflösung unserer Clique.

Bei uns gibt es fußläufig erreichbar keine Kneipe mehr. Da muss man schon 5km fahren, bis man zum Stammtisch kommt. Das ist sehr bedauerlich, denn der Stammtisch ist eigentlich die Selbsthilfegruppe auf dem Dorf. Er ist immer noch eher männlich geprägt. Die Frauen haben sich früher in der Kirche getroffen. Aber dies Geschlechter-Trennungen weichen sich auf.

Die Party

Ich bin der festen Überzeugung, dass nur Partys auf dem Dorf, wirklich gute Partys sind. Geht euch das auch so?

Es geht schon mit der Suche nach einer Location los. Nehmen wir den Sportplatz? Also die Wiese hinter dem Kindergarten, wo zwei Tore stehen. Die wird regelmäßig gemäht. Wir können auch hinten im Garten feiern. Wenn man jünger ist, dann trifft man sich an der Kirchenmauer oder in der Bushalthaltestelle. Den Saal kann man auch mieten. Oder man fragt den Nachbarn, ob es in seiner Scheune geht. Auch der See bietet ein schönes Ambiente. Möglichkeiten gibt es reichlich. Der Geldbeutel wird meistens geschont. Die Nachbarn lädt man mit ein oder bietet einen Altenkaffee am Nachmittag an. Je mehr man das ganze Dorf mit einbezieht, desto wahrscheinlicher ist es, dass niemand sich wegen Ruhestörung beklagt.

Bei der weiteren Organisation kommt es darauf an, wie die Erwartungen der Gäste sind. Eine Silberhochzeit feiert man am ehesten im Saal, aber auf der Koppel geht es auch. Die Jugendlichen bevorzugen den See oder den Garten. Für den Altenkaffee eignet sich die die Scheune gut. Genau so unterschiedlich sind dann die Ansprüche an das Essen. Ganz prima klappt es, wenn man eine „Mitbring“-Feier ausruft. Zum Kaffeetrinken wird man sowieso schon von den dörflichen Gästen gefragt, welcher Kuchen mitgebracht werden soll. Oder man wird nicht gefragt, kann sich aber darauf verlassen, dass irgendein Kuchen den Weg zur Feier findet. Bei anderen Feierlichkeiten sollte man den Strom von Grillgut, Salaten oder Nachtisch etwas steuern. Die Reste bleiben nämlich immer beim Gastgeber. Da sitzt man mitunter mehrere Tage auf Nudelsalat, weil so viele Gäste den mitgebracht haben. Und der Ehre halber ist jeder Salat selbstgemacht. Sicherheitshalber sollte man vorher Plastikschachteln mit Deckeln sammeln. In die kommen vor Ende der Feier die Reste und werden gerecht an alle Gäste, die nicht rechtzeitig Nein sagen, verteilt.

Das unangenehmste Problem sind die Dinge, die man wieder los werden will – üblicherweise und hoffentlich auf den Toiletten. Selbst wenn es viel Platz für wenige Party-Gäste gibt, sollte es dafür einen ordentlichen hygienischen Platz geben. Am Ende laufen, wenn Alternativen fehlen, ja doch alle auf das Klo im Haus. Es lohnt sich dafür eine gute Lösung zu finden, denn das Putzen am nächsten Tag, ist einfach kein Spaß. Einfacher ist es hingegen mit den Schlafplätzen, wenn die Gäste unter 40 Jahre sind. Es gibt auch ältere Semester, die das Zelt eine adequate Lösung finden (die sind meistens männlich). Je nachdem, wie sehr einem die Gäste am Herzen liegen, kann man mit ein paar Ersatz-Iso-Matten bis hin zu Luftmatratzen aushelfen. Ansonsten passiert es, dass fünf Leute auf dem Sofa schlafen, weil es auch im August nachts ganz schön kalt draußen ist.

Die meisten Partys sind nur so gut wie die Musik, die läuft. Eine Playlist ist da keine gute Idee. Wenn die Party richtig gut sein soll, dann sucht man einen DJ. Die Musik ist aber auch meistens das größte Problem, im Zusammenleben mit den Nachbarn. Da ist schnell mal die Polizei auf dem Hof, die höflich darauf hinweist, dass es zu laut ist. Es ist daher sehr hilfreich seine Nachbarn auf die Lärmbelästigung rechtzeitig hinzuweisen. Am besten lädt man die ganze Nachbarschaft mit ein. Man kann mit kostenlosem Essen locken, denn davon ist in den meisten Fällen ausreichend da. Kommt die Polizei dennoch, sind Diskussionen sinnlos. Da hilft es nur die Lautstärke runter zu drehen, ein nettes Gespräch mit den Ordnungshütern zu führen und versuchen herauszufinden, wem man denn auf die Füße getreten hat. Entschuldigt man sich am nächsten Tag bei demjenigen, könnte sich das Problem bei der nächsten Feierlichkeit eventuell schon erledigt haben.

Jetzt braucht man nur noch eine hilfreiche Truppe, die beim Aufbauen und Aufräumen hilft. Dann steht der nächsten Party nichts mehr im Weg.

Warum immer ich?

Jetzt ist es also soweit. Ein Podcast, noch ein Podcast und schon wieder höre ich mich quatschen oder sabbeln, wie man in Norddeutschland wohl eher sagen würde. Meine Stimme kommt mir schon lange nicht mehr merkwürdig vor. Seit ich meinen Anrufbeantworter bespreche, kenne ich auch meine Stimmlage. Man gewöhnt es sich ab, die eigene Stimme zu kritisieren. Da ist eh nichts zu ändern.

Aber nach so einigen Folgen, fällt mir doch auf, dass irgendwie ich die komische Figur in dem Hörgenuss bin. Und immer findet Cindy noch was, womit sie mich hochnehmen kann. So wie die Sache mit dem Käsekuchen. Wenn die Aufnahme läuft, dann kann man auch nichts zurück nehmen. Ton auf Band und damit Beweismittel Nummer eins. Ich befürchte fast, dass da noch so einiges im Speicher bei Cindy schlummert, mit dem ich erpressbar bin.

Ich will ja nicht sagen, dass ich in meinem Leben immer nur scheitere, aber es die Momente, in denen es schief läuft, bleiben im Gedächnis hängen. Da hilft es nur den Humor zu bewahren und über sich selbst zu lachen. Für manche ist das die Kunst des Lebens, für mich ist das ein simpler Überlebenstrick. Und im Podcast versuche ich dann was Schlaues zu sagen und es endet immer in Verwicklungen. Ich vergesse auch diverse Themen, die wir angeschnitten haben. Cindy hat das bessere Gedächnis, fragt dann nach und ich komme dann ins Schwimmen, weil ich keinen Plan habe, worum es geht. Ich hatte eine vage Ahnung, dass genau das passieren würde.

Am Ende bleibt die vage Hoffnung, dass ich mich nicht als Mitsprecher dieses Podcasts (Genitiv?) outen muss, bevor ich in Rente bin. Aber das Risiko ist den Spaß bei der Sache wert.

P.S. Die Kategorie „Podcast“ fehlt noch.

Alkohol

Statistisch trinken Jugendliche, die auf dem Dorf wohnen früher und mehr.

Wird auf dem Dorf eigentlich mehr Alkohol getrunken als in der Stadt? Ich will nicht lange drumrumreden – Ja wird es! Da gibt es sogar Statistiken drüber. So kompliziert muss man sich das aber nicht machen. Es genügt vollkommen zum Osterfeuer ins Dorf zu kommen und mal selbst zu gucken. Dabei geht es aber nicht ausfallend oder auffällig zu, nur irgendwie ist so eine Flasche Schnaps erstaunlich schnell leer.

Dieser erhöhte Konsum beruht definitiv nicht auf Langeweile oder Frust. Auf dem Dorf ist es auch nicht notwendig sich Mut anzutrinken, schließlich kennt einen ja eh jeder. Dafür bangt man weniger um seinen Führerschein. Entweder ist man zu Fuß oder mit dem Fahrrad da, oder man wird nach Hause gefahren oder pennt auf dem Sofa bei einem Freund. Es gibt auch die Bierstraßen, aber die waren schon immer der ländlichen Polizei bekannt. Da wo man vor 20 Jahren noch mal durchgewunken wurde, weil man auf der Strecke morgens um eins wirklich niemanden gefährdet hat, wird man heute doch schon mal zum Pusten aufgefordert. Die Zunahme des Autoverkehrs im ländlichen Raum, fordert eben ihren Tribut.

Es gibt auch diverse alkoholische Kuriositäten. Wer mutig ist, trinkt den Selbstgebrannten vom Nachbarn. Wen der Konsum von Kräuter, Pflaume und Korn langweilt, der setzt schon mal Likör an. Das haben wir hier auch schon gemacht. Denn wohin mit dem ganzen Obst im Herbst? Also kam die Quitte in den Wodka und die Wallnuss in den Korn. Das Zeug steht jetzt schon länger bei mir im Regal, weil ich mich kaum traue es anzubieten. Quittenlikör klingt auch auf dem Dorf exotisch. Und ich müsste gegen den Quittenlikör des Nachbarn ankommen. Der war nämlich sehr, sehr gut gelungen. (Die Feier, wo wir ihn probiert haben, übrigens auch – und am Ende war er leer.) Die Wallnuss hingegen ist recht gut gelungen und kommt auch so gut an, dass wir das wiederholt haben. Aber aus unerklärlichen Gründen schmeckt es nie gleich. Meine Kinder haben versucht mir das mit Bio und Physik und dem fehlenden Rezept zu erklären, aber ich finde, wenn man Korn und Wallnuss mischt und Zucker reingibt, sollte es immer gleich schmecken.

Am Ende setze ich auf den Effekt, dass man nach dem dritten Glas eh nicht mehr weiß, was man da trinkt. Und ich schenke mir dann noch einen Eierlikör ein – den Selbstgemachten – von Oma Evi.

Podcast

„So – jetzt hast du ein neues Hobby“ – Cindys Worte heute zu mir. Ich war irgendwas zwischen sprachlos, entsetzt, verwirrt und in Panik. Noch ein neues Hobby? Gerade jetzt? Ich habe doch erst wieder Zeit, wenn ich in Rente bin. Vermutlich haben alle Rentner keine Zeit, weil sie alle Hobbys auf das Rentenalter verschoben haben. Ich habe dagegen JETZT ein neues Hobby. Und das ist wohl der Podcast.

Was ist ein Podcast? Irgendwie sowas wie Radio ohne Musik oder Video ohne Bild oder Hörspiel ohne Spiel. Eine meiner Influencerinnen nannte ihren Podcast „Sprachmemo“. Das ist wie der Anrufbeantworter. Man redet in ein Mikrofon, erhält keine Antwort und irgendwann hört sich das jemand an. Früher hörte man es ab. Vermutlich ist das der Unterschied. Podcasts gibt es für jeden Geschmack. Man findet sie im Internet. Und man kann eine App zum Abspielen der Podcasts auf sein Smartphone laden. Sehr häufig ist dort auch so eine App vorinstalliert. Und dann braucht man nur noch zuhören.

So ganz neu ist das Podcast-Hobby nicht. Ich bin fleißiger Nutzer von dem Content, den andere für das Gehör produzieren. Und ich höre Laber-Podcasts, Informations-Podcasts oder Komedie. Und dann kam Cindy und fragte: Machen wir einen Podcast? Ja klar – einen Laber-Podcast können wir auch. Also ich allein kann das nicht. Cindy ist da ganz professionell ran gegangen. Ein Intro musste zusammengestellt werden, ein YouTube Kanal musste erstellt werden (https://www.youtube.com/channel/UCR2uLeaffnJR1J-vaEpFGgw), ganz zu schweigen von einer professionellen Ausrüstung. Davon habe ich keine Ahnung. Ich hätte wohl einfach eine Sprachmemo aufs Smartphone gesprochen und hochgeladen. Ich ahne, wer hier gleich das Grausen bekommt. Aber ich habe das nie angefangen, da ich nicht noch ein Hobby wollte. Jetzt ist es doch da.

Ich hatte eine vage Ahnung, dass es lustig sein könnte. Und wir haben bei der ersten Aufnahme auch ziemlich gelacht. Und wir hatten richtig Spaß miteinander. Doch dann kam die Premiere. Cindy hatte den Schnitt übernommen und zum ersten Mal tönte der Podcast Mondscheintomate durch meine Lautsprecher. Ich musste mehrmals die Pause-Taste drücken, weil ich vor Lachen vom Stuhl gerutscht bin. Cindy war etwas ratlos. „Können wir das so hochladen?“, fragte sie. Auf jeden Fall!

Keine Werbung

Nachdem Cindy ja wunderbar einen Text zum Jubiläum von Mondscheintomate erstellt hat, lehne ich mich da mal faul zurück und überlasse ihr die Lorbeeren. Oder hat das schon was mit Werbung zu tun? Es ist ja eigentlich nur Werbung für die Mondscheintomate, denke ich. Oder mache ich Werbung für das Dorfleben? Ich hoffe nicht!

Das mit dem Dorf ist wie mit der unberührten Natur oder dem Geheimtipp. Wenn es jeder weiß und jeder dahin will, dann ist es nicht mehr das Gleiche und schon gar nicht mehr was Besonderes. Die Dinge leben davon, dass nur wenige Menschen es zu schätzen wissen. Eine meiner Influencerinnen (auch Content Creator genannt) sagte mal in einem anderen Zusammenhang: Nur angucken, nicht anfassen und einfach weitergehen. Das passt auch für’s Dorf. Sicher braucht es auch immer mal wieder Zuzug, aber der findet sich auch ohne Werbung. Die Gemeinden hören das nicht so gerne. Sie erhalten mehr Geld, je mehr Menschen im Ort wohnen. Das soll ja dann angeblich gut für die Dorfbewohner sein. Aber es muss im Rahmen bleiben.

Wie viele Orte, haben auch wir ein Neubaugebiet. Dort stehen jetzt 5 Häuser. Ich glaube es sind 27 Bauplätze vorgesehen. Das Gebiet wurde vor 30 Jahren eingerichtet. Jetzt sind auf einen Schlag 5 Bauplätze verkauft worden. Das bedeutet, dass sich die Anzahl der Dorfbewohner von ca. 455 auf knapp 500 erhöhen wird. Wenn alle Bauplätze vergeben sind und kein Haus in ein Ferienhaus ohne feste Bewohner umgewandelt wird, dann erreichen wir womöglich die 600 Menschen. Ich hoffe dann ist auch Schluss. Immmerhin möchte ich doch jeden noch kennen und Zeit haben jeden kennenzulernen.

Warum Dorf?

Ganz aktuell gibt es eine kleine Landflucht. Sie wäre vermutlich größer, wenn die Imobilienpreise niedriger wären oder Bauholz bezahlbar. Tatsächlich haben sich diverse Menschen entschlossen der Stadt jetzt entgültig den Rücken zu kehren. Und andere Menschen haben festgestellt, sie können ihren Job mitnehmen. Das ist nämlich Bedingung – entweder fährt man oder besser man bringt seine Arbeit mit aufs Land. Es gibt ein paar Verrückte, die erschaffen im ländlichen Raum ihre Arbeit, indem sie Kunsthandwerk gestalten, eine Imbissbude aufmachen oder Kanus verleihen. Das kann man machen, ist aber mehr Lebensgefühl als Geld. Man tut sich mit dem Dorf leichter, wenn man schon auf dem Dorf groß geworden ist. Dann ist man auch bereit auf diverse Dinge zu verzichten, für den Dorf-Flair. Oder man hat romantische Vorstellungen vom Dorfleben, in dem die Hähne krähen, es frische Eier vom Nachbarn gibt und beim Dorffest Polka getanzt wird. Auf letztere würde man im Dorf gerne verzichten. Manchmal will man sein Leben aber auch umkrempeln, ausmisten, verändern, naturnaher gestalten, dann findet man vielleicht sogar das richtige Dorf. Allerdings sollte man nicht auf das was man unter natur oder öko versteht zu ernst nehmen, sonst gerät man in einen geistigen Konflikt, wenn der Nachbar auf dem Lagerfeuer die Plastikteller entsorgt. Und es ist nicht unbedingt leicht zu verstehen, dass Bauschaum im Altbau wunderbar Probleme lösen kann, wobei die Lösung vom Bauschaum ignoriert wird.

Mecklenburg hat gute Voraussetzungen für Stadtflüchtlinge. Es gibt eine Menge Toleranz gegenüber Neulingen, die nicht wissen, wer vor 40 Jahren auf Hufe 8 gewohnt hat. Man ist auch geduldig mit Rasenfanatikern und naturnahen Gartenfreaks. Etwas ungeduldiger wird es, wenn der Neue es besser weiß. Aber das ist nirgendwo gern gesehen. Andere Ecken von Deutschland tun sich da schwerer mit denen aus der Stadt, die in hellen Hosen am Sonntag mit dem Fahrrad vorbei fahren. Da bedarf es vom Zugegzogenen schon eine Menge Feinfühligkeit, um anzukommen. Und in manchen Ecken bleibt man einfach außen vor. Das Besondere am Dorf bleibt eben nur erhalten, wenn da nicht jeder Hans und Franz hinzieht. Da bedarf es schon eines Testlaufes, einer Feuerprobe und einer gewissen Anpassungsphase, damit ein Dorf auch ein Dorf bleibt. Das wird selbstverständlich überwacht. Was die einen als Zusammenhalt des Dorfes preisen, in dem man noch seinen Nachbarn kennt, empfinden andere eher als unzumutbare Überwachung. Es ist einfach normal, dass man am nächsten Morgen Dorfgespräch ist, wenn man am Abend vorher spät und womöglich noch angetrunken nach Hause gekommen ist.

Es ist immer eine Frage des Blickwinkels. Kann ich damit leben, dass ich eine Speisekammer brauche, die auch gefüllt sein muss? Auf dem Land geht man nicht mal eben eine Butter holen. Es sei denn man leiht es sich beim Nachbarn. Ist es für mich in Ordnung, dass jeder weiß welche Farbe meine Unterwäsche hat, weil man auf meine Wäscheleine gucken kann, oder besorge ich mir besser trocknerstabile Wäsche? Ich liebe es unterbrochen zu werden, weil ein Nachbar am Grundstück vorbei kommt auf einen Klönschnack. Aber wer zügig mit der ungeliebten Gartenarbeit fertig werden möchte, fühlt sich vielleicht bedrängt. Es ist manchmal merkwürdig, dass jeder weiß, wer ich bin und ich oft genug nicht weiß, dass ich den Cousin vom Halbbruder von dem Nachbarn gegenüber vor mir habe. Aber daran arbeite ich hart!

Wieviel Foto braucht man?

Das digitale Erbe

Mal eben das Handy nehmen und ein Bild machen. Ich drücke auch gerne mehrmals den Nachkommen des Auslösers und die Bilder prasseln nur so in meinen digitalen Speicher, der spottbillig ist. Mein aktuelles Smartphone macht aus einem Bild einen Miniaturfilm, damit man sich das beste Motiv heraussuchen kann. Mit einem Klick mal eben 20 Aufnahmen, die fast egal aussehen.

Meine Cloud ist aus Geiz begrenzt und der Speicherplatz meines Smartphones auch. Somit lade ich regelmäßig die Bilder auf die externe Festplatte, die mit einem kostengünstigeren Cloudangebot verbunden ist, damit ja keines der 3000 Bilder jeden Monat verloren geht. Und es herrscht Ordnung in meinen Bildern. Seit 2006 fotografiere ich digital. Für jedes Jahr gibt es einen Ordner mit Unterordnern. Ein bisschen habe ich umgemodelt, denn anfangs war Speicherplatz sehr viel teurer und es waren keine 1000 Fotos im Monat. Da habe ich noch nach Ereignissen sortiert. Jetzt ist nach Jahr und Monat sortiert. Und weil der Datenwust so groß ist, mitunter noch nach weiteren Unterordnern. Ich liebe Fotos und durchsuche auch die alten Ordner regelmäßig, ärgere mich über Unordnung oder falsche oder fehlende Metadaten in den alten Bildern. Tatsächlich gucke ich meine analogen Fotos seltener an.

Das hindert mich nicht, Fotobücher zu erstellen, die niemand anguckt. Meine Versuche Urlaub in ein spannendes Fotoalbum zu quetschen, war bisher nicht von Erfolg gekrönt. Was in meinem digitalen Ordner wie eine gute Idee aussieht, liegt wie Blei im Regal. Und dann sind da noch die alten Fotoalben von früher. Hunderte von eingeklebten Bildern mit Untertiteln und Datum – jedenfalls bei mir. Ich habe die Alben auch mal eingescannt. Aber das sind Scans von ganzen Seiten. Die einzelnen Bilder müssten da händisch raus geholt werden. Eine Arbeit, zu der ich so gar keine Lust habe. Vielleicht ist es mir das ja irgendwann mal wert, es machen zu lassen. Denn dazu kommen die geerbten Fotoalben der Verwandtschaft. Was macht man mit einem Album, in dem Menschen zu sehen sind, von denen man nur einen kennt? Interessant sind die Fotos aus den 60iger und 70iger Jahren schon. Da sieht man die alten Autos, Straßen, die Kleidung und den Gasthof früher einmal. Interessiert das heute noch jemanden?

Was wird also aus meinem digitalen Erbe? Eine Bekannte von mir, hat gerade alles gelöscht und weg geworfen. Bei dem Gedanken steigt Panik in mir auf. Was wenn jemand gerade mein Bild für die Chronik vom Dorf braucht? Und ist es nicht so, dass jemand erst ganz gestorben ist, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert? Will ich vergessen werden? Auf der anderen Seite frage ich mich, was man mit unzähligen Fotos von meinen Ponys will. Ein schönes Bild von der Seite und eine vernünftige Abstammung dazu, wäre ja vollkommen ausreichend.

Ich werde dennoch nachher wieder den Auslöser drücken und noch ein Bild vom Hintern meines Pferdes machen. Ich werde mich freuen es zu archivieren, die Metadaten anzupassen und es irgendwann hervorkramen und ein Fotobuch daraus erstellen, dass niemand durchblättern. Warum auch nicht?!?

Geld von der Bank

Ganz gleich, wo man wohnt, man braucht Geld. Sicher gibt es hier auch Tauschgeschäfte, aber vieles geht auch hier nur mit Geld. Nun lebe ich in einem Land, wo das Bargeld noch erlaubt ist. Das finde ich sehr erfreulich. Aber ganz gleich, wie sehr man sein Bargeld liebt, um ein Konto bei einer Bank kommt man nicht herum. Ich sehe ein, dass das viele Vorteile hat, aber leider ist die Sache mit so einem Bankkonto nicht so einfach.

Die nächste Bankfiliale ist 20km entfernt. Und auch wenn die Öffnungszeiten sympatischer sind als 1988 – das Jahr in dem ich mein erstes Bankkonto eröffnet habe; übrigens auch auf dem Land, in einer Bank (nicht Filiale – eigene Bank) in einem Dorf mit 1500 Einwohnern – so sind sie immer noch nicht gut an meine beruflichen Arbeitszeiten angepasst. Aber als digitaler Fuchs habe ich schon seit Jahren Online-Banking. Ich habe horrendes Geld für das Zubehör (Kartenleser, Software, Karte) ausgegeben, um dann sehr bequem am heimischen Computer meine Bankkonten verwalten zu können. Das hat sich wunderbar eingespielt, auch wenn es mich nervt, dass ich die Software inzwischen nicht mehr kaufen kann, sondern mieten muss. Vermutlich ist das ein wichtiges Verdienst-Standbein der entsprechenden Bank. Immerhin hat mindestens ein Softwareentwickler damit einen Arbeitsplatz.

Nun ist international die Anzahl der Anwender von Online-Banking in den letzten Jahren rasant gewachsen. Daran haben die Banken sicher ihren Anteil, denn nun müssen sie nicht mehr die handgeschriebenen Überweisungen erfassen und tragen auch keine Schuld mehr, wenn man sich vertippt. Man muss seine Kontoauszüge nicht mehr ausdrucken, was der Bank Geld spart. Und die Nachfragen am Telefon nach dem aktuellen Kontostand haben mit Sicherheit abgenommen. Aber je mehr Anwender es gibt, desto mehr kommen eben auch die illegalen Nutznießer auf den Plan, die sich in die Computer der Nutzer einschleichen und die Gelder von den Konten holen. Ich weiß nicht so genau, wie das gehen soll mit dem System das ich benutze, aber anscheinend ist es so häufig vorgekommen, dass der Gesetzgeber beschlossen hat: Mal eben einfach Geld überweisen oder den Kontostand abrufen, gibt es nicht mehr. Das muss jetzt so umständlich und unbequem sein, dass man nur noch mit voller Konzentration und einer Batterie von Hilfsmitteln, Benutzernamen, Passwörtern und diversen Nummern Geld loswerden kann. Ich finde das doof, aber mich fragt ja keiner.

Meine digitalen Fähigkeiten haben jedenfalls nicht ausgereicht, um mich ganz banal auf der Internetseite der Bank einzuloggen. Da aber die Bank passend zu ihrem Online-Angebot auch die telefonische Erreichbarkeit angepasst hat, war ein Gespräch nach meinem Feierabend möglich. Sehr nett und kompetent wurde ich in die neuen Geheimnisse der Zeichen auf meinem Kartenleser, der Kontrollnummern und der Transaktionsnummern eingewiesen. Die Möglichkeiten sich zu vertippen sind jetzt von eins auf fünf angewachsen. Was daran sicherer ist, erschließt sich mir nicht, aber die nette Dame von der Bank kann nun auch nichts dafür und so wirklich erklären kann sie das auch nicht. Einfacher wäre es übrigens, wenn ich die Bankgeschäfte nur noch vom Handy aus mache. Da genügt es, das Handy mit biometrischen Daten zu schützen. Dann braucht man nur noch ein Passwort und Bankgeschäfte gehen ganz einfach. Ich denke dabei eher an abgeschnittene Daumen, die auf ein Handydisplay gehalten werden. Vermutlich habe ich zuviele schlechte Filme gesehen.

Das ist jedenfalls der Moment, wo ich gerne wieder Bargeld in die Hand nehme und in meinem Konsum meine Milch kaufe. Das ist genau so unkompliziert wie immer.

Licht am Ende des Tunnels

Wir haben ein Loch in der Wand. Das geht so bodennah durch die vorgestellte Trockenwand zu den Ziegeln der Außenwand runter durch das Fundament aus Granitsteinen und endet draußen in einem Loch neben der Haustür. Das ist sehr feierlich, denn durch dieses Loch wird das Glasfaserkabel ins Haus laufen. Und das ist ja mal so richtig ein Sprung in das digitale Zeitalter.

Nun sind wir hier glücklicherweise, digital betrachtet, nicht ganz hinter dem Mond. Ich muss diesen Blog nicht auf dem Handy schreiben und dann zur Koppel laufen, um hinten links am Schleppdach zwei Balken zu haben, wo sich der Text dann hochlädt. Tatsächlich kann ich das in meinem Büro machen und die stabile kabelgebundene (Kupfer!) Leitung in das Netz der Netze ist hergestellt. Ich habe hier 50.000er Internet. Das ist wohl ziemlich gut, wie mir andere Menschen aus Gegenden bescheinigt haben, in denen man einen Internetzugang erwartet, den man beim Upload den Zeitaufwand nicht bemerkt. Ich bin damit zufrieden, weil der Download beim Film-gucken ruckelfrei läuft – meistens jedenfalls.

Aber was wäre das Leben, wenn man nicht auch mal mehr möchte. Wenn man sich nach dem Himmel streckt und ein bisschen höher kommt. Und dann die Realität, in der vor gefühlten wenigen Jahren ein 16.000 Zugang super schnell war. Heute geht das gar nicht mehr. Was ist also mit meiner Leitung in wenigen Jahren? Somit fiel die Entscheidung für ein Glasfaserkabel leicht. Erleichtert hat die Entscheidung auch, dass ich endlich mal nicht abgehängt sein möchte. „Du wohnst auf dem Land?“. „Dein Ort hat weniger als 500 Einwohner?“. Das sind so typische Fragen, wenn man erwähnt, wo man wohnt. Und da schwingt auch gleich die Frage mit: „Was machst du den ganzen Tag so ohne Kneipe, Jumphouse, Supermarkt und Internet?“ Ich kann sagen: Zum Saufen gehe ich zum*r Nachbarn*in. Ich springe nicht, ich fahre Schubkarre. Der Konsum steht noch. Meine Internetleitung ist gar nicht so schlecht. In Zukunft werde ich dann sagen können: Meine Internetleitung ist besser als in Hamburg.

Ein Wehrmutstropfen hat das ganze. Der Zeitpunkt der Zukunft ist leider noch ungewiss. 2020 war Baubegehung. Vielleicht werden 2021 die Straßenbaumaßnahmen stattfinden. Und dann wird die Leitung irgendwann 2022 wohl hoffentlich verlegt. So lange halte ich mich fit, damit ich die Zukunft noch erlebe.