Heute schnitt ich Falcons Schweif
Mit Opas Werkstattschere.
Die ist schön scharf und die nehme ich immer dafür,
Irgendwann ist sie in den Stallschrank gewandert und hat jetzt diesen neuen Job,
So ist das mit Erbstücken.
Heute schnitt ich Falcons Schweif,
Er war viel zu lang geworden und ich hatte mich tagelang darum gedrückt.
Was, wenn ich ihn doch ganz kurz schneiden muss?
Was, wenn er ihn nicht mehr braucht,
Aber ich?
Wie ein Seil zum dran Festhalten,
Zum dran Entlanghangeln,
Als Halt und als Wegweiser –
Als Symbol für das ganze Pferd…
Mein Halt und mein Wegweiser.
Heute schnitt ich Falcons Schweif
Im Schein des Vollmonds, weil dann keiner was sieht und keiner was fragt.
Es ist der dritte Vollmond, seit meine Pferde nach dieser einen Nacht endlich zurück sind.
Ja, ich zähle das – als wäre nach dem fünften Vollmond irgendetwas geschafft.
Oder nach dem achten.
Oder nach dem zehnten?
Heute schnitt ich Falcons Schweif,
Er ist wieder ganz weiß,
Alles Blut aus dieser einen Nacht ist längst wieder herausgewaschen, weggebürstet und nicht mehr zu sehen,
Wenngleich längst nicht alles wieder heil ist.
Noch nicht?
Heute schnitt ich Falcons Schweif
Ein wenig kürzer als sonst.
Genau so viel, dass ich eine Erinnerung hätte, auch wenn ich entscheiden sollte, dass er so vollständig gehen soll, wie er war.
Auch, wenn ich dann, wenn ich es entscheiden muss, nicht an die Geschichte glauben sollte, dass Pferde im Himmel erkennen, wer besonders geliebt wurde, weil er mit kurzem Schweif kommt, weil jemand wenigstens den Schweif bei sich behalten wollte.
Auch, wenn ich es irgendwann unanständig finden sollte, mir zu nehmen, was mir eigentlich nicht gehört, obwohl derjenige, dem es gehört, es mir sicher gern geschenkt hätte, weil er es nicht mehr brauchte,
Als mein Erbstück, gewissermaßen.
Heute schnitt ich Falcons Schweif
Nicht so kurz, dass es ihn stören könnte,
Nicht so kurz, dass ihm was fehlen würde
Und nicht so kurz, dass er spüren könnte, dass ich vielleicht manchmal ein ganz klein wenig an seiner Chance zweifle,
Wenn ich mir nur genug Mühe gebe, das zu verstecken.
Heute schnitt ich Falcons Schweif
Und hob die Haare auf.
Das mache ich manchmal, gerade mit besonders schönen Strähnen, beschrifte sie mit dem Namen des Pferdes und lege sie an unterschiedliche Stellen weg,
Damit ich später Erinnerungen habe, die ich immer wieder einmal irgendwo finde.
Heute schnitt ich Falcons Schweif
Und weinte dabei.
Das tat ich nicht mal zwei Tage nach dieser einen Nacht
Als ich ihn putzte,
Die blutigen Stellen überall aus seinem Fell bürstete,
Als er noch schwer atmete,
Als noch gar nichts klar war.
Wie viel mehr ist heute klar?
Heute schnitt ich Falcons Schweif
Vielleicht zum letzten Mal.
Vielleicht schneide ich ihn beim nächsten Mal auch ganz kurz
Und vielleicht wird er auch noch viele Male zu lang.
Heute schnitt ich Falcons Schweif
Und vielleicht hole ich Opas Werkstattschere dafür bald wieder hervor.
Wenn Schweifhaare wären, wie Sternschnuppen, hätte ich mir heute Nacht gewünscht, dass beim nächsten Mal Dinge wieder so wären, wie sie einmal waren
Vor dieser einen Nacht.
