Der Strich

In Zeiten des Corona-Virus ist ja für viele Menschen vieles anders, und auch für mich hat sich natürlich etwas geändert. Im Wesentlichen ist das zur Zeit mein Arbeitsweg.

Ich weiß also gar nicht so genau, wie lange die Sache mit dem Strich vorher schon ging, aber bereits vor geraumer Zeit kündigten sich auf meinem temporären Arbeitsweg sogenannte „Markierungsarbeiten“ an – auf Normaldeutsch: Die wollten da’n Strich auffe Straße malen.

Nun weiß man irgendwann aus Erfahrung, wie die durchschnittsdeutsche Baustelle zumindest für Außenstehende zu funktionieren scheint: Da kommen welche und stellen Schilder auf, nur wenige Wochen später stellt dann irgendwer Maschinen dazu und dann passiert offensichtlich zunächst ein halbes Jahr lang gar nichts, bis die Straße dann komplett gesperrt wird und irgendwann auch mal irgendwer mit irgendwelchen Arbeiten beginnt.

Nicht so im Fall von „unserem“ Strich.

Schon wenige Tage, nachdem sie angekündigt waren, begannen sie – die Markierungsarbeiten. Fleißige Menschen haben zunächst die Straße vermessen und irgendwelche Behelfsmarkierungen auf selbige gepinselt, bis es dann eines Tages soweit war: Zwei Mann waren auf so’ner Strichmalklötter unterwegs (einer fuhr das Ding, der andere hatte ’ne Kippe im Mund und schien im Wesentlichen damit beschäftigt, den Strichmalvorgang zu beobachten). Der gesamte Versuchsaufbau stank übrigens entsetzlich.

Woher ich das so genau weiß? Nun ja – ein jeder konnte Zeuge dieses Srichmalvorgangs werden, denn neben den Schildern warnte nur ein Mensch in orangenen Klamotten vor den „Markierungsarbeiten“.

Persönlich.

Jeden einzelnen – denn er hielt jedes Fahrzeug an und forderte mit Nachdruck ein, dass jeder Autofahrer die Scheibe herunterließ, um dann mit engelsgleicher Stimme zu äußern: „ABER NICHT ÜBER DEN STRICH FAHREN, DEN HAMWA GERADE NEU GEMACHT!!“

Ein „Ich riech’s…“ konnte ich mir wohl gerade noch verkneifen, nicht aber ein: „Dann wisst Ihr ja jetzt, wie’s geht!“

Und unter diesen widrigen Umständen malte und miefte man dort unbeirrt vor sich hin, vermalte sich wohl auch hier und da (oder ist gar trotz der freundlich vorgetragenen Bitte, davon Abstand zu nehmen, etwa jemand über den Strich gefahren? Auf einer Straße wie der mit dem Strich, die zum großen Teil von landwirtschaftlichen Fahrzeugen, die im Allgemeinen etwas breiter sind, als der Durchschnitts-PKW, genutzt wird, wäre dies ja zumindest nicht völlig abwegig…) und malte dann in schwarz wieder über, wo ein Strich war, aber keiner sein sollte… und nun isser wohl fertig, der Strich.

Beispielbild eines Striches – Abbildung ähnlich

Besonders schön ist er halt nicht geworden, besonders gerade auch nicht, und irgendwie fehlt hier und da ein Stück, aber immerhin ist er ein Unikat, ein Kunstwerk von Menschenhand geschaffen – und ich durfte quasi live dabei sein, den Strich in seinem Werden beobachten, Erfolge und Misserfolge unmittelbar miterleben… ich war im Grunde Teil des Strichmalvorgangs, und zweimal täglich darf ich dieses Wunderwerk deutscher Fahrbahnmarkierungskunst nun bewundern… das ist ja auch was für die Seele, und das alles wäre mir nie vergönnt gewesen, hätte man einfach’n halben Tag die Straße gesperrt!

Ich werde sicher noch sehr oft an ihn denken, wenn ich wieder in meinem eigentlichen Büro arbeiten kann, und bestimmt fahre ich ihn auch mal besuchen, denn ein zartes Band aus Strichmalduft und den warmen Worten des freundlichen Bauarbeiters verbindet uns… mich und „meinen“ Strich.

Bewerbung

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich weiß nicht einmal, wer genau Sie sind, und genau deshalb wende ich mich auf diesem Wege an Sie.

Bei Ihnen hat irgendjemand einen ganz großartigen Job, und falls dieser einmal frei werden sollte, möchte ich mich hiermit schon einmal initiativ darauf bewerben.

Die Rede ist von dem Menschen, der in einem Multicar mit Wassertank, von dem aus ein Schlauch in die Fahrerkabine führt, die Alleen hier in Westmecklenburg auf und ab fährt, den Schlauch aus dem Fenster hält und damit die Alleebäume bewässert.

Da ich zur Zeit in einem befristeten Projekt tätig bin, kann es auch bei mir irgendwann wieder einmal dazu kommen, dass ich mich beruflich neu orientieren muss – der Baumgieß-Job käme mir da so auf den ersten Blick wie gerufen: Als auf dem Dorf lebende Sozialpädagogin bringe ich neben meinen sozialen Kompetenzen eine Menge Naturverbundenheit mit – ich betreibe semifreiwillig jeden Winter wieder eine Igelstation und lebe mein Leben schon länger mit Pferden als ohne. Ein gewisses technisches Verständnis lege ich ebenfalls an den Tag – außerdem habe ich bereits DDR-Fahrzeug-Erfahrungen, bin täglich mit meinen Trabis unterwegs und bin somit im Grunde prädestiniert für den Job.

Sie möchten mich kennenlernen? Wir wollen darüber reden, was die Baumgieß-Tätigkeit im Winter mit sich bringt? Melden Sie sich gern in einem Kommentar und teilen Sie mir mit, wie ich Sie erreichen kann.

Ich freue mich schon jetzt, eventuell bereits in ein paar Jahren dieser gar meditativ anmutenden Tätigkeit nachgehen zu dürfen und verbleibe

mit bei teils über 10°C im Januar nahezu frühlingshaft-frisch-freundlichen Grüßen.

10 Gründe, alte Fahrzeuge zu fahren

1. Man kann alles selbst reparieren. (Okay – das muss man im Wesentlichen auch, da einen die Werkstatt mit solchen Klöttern üblicherweise vom Hof jagt, aber das widerspricht dem ja nicht: Man KANN alles selbst reparieren.) Aus diesem Grund ist auch die Mitgliedschaft im Automobilclub des jeweils geringsten Misstrauens im Grunde unnötig: Entweder, das Ding lässt sich mit Bordmitteln oder notfalls mit einem Anruf beim Kumpel („Bring mir doch bitte mal eben einen…“) selbst zumindest notdürftig zur Weiterreise überreden, oder aber, man fährt eh erstmal längere Zeit nirgendwo hin.

2.& 3.

Diese beiden guten Gründe, alte Fahrzeuge zu fahren, sprechen für sich selbst.

4. Man muss nicht erst eine Bedienungsanleitung lesen, die dicker ist, als die Bibel, um mit dem Gerät den Hof zu verlassen: Nichts piept, und stroboskopartige Leuchtattacken in den Anzeigen bleiben ebenfalls aus, es herrscht eine wunderbar friedvolle Stimmung im und um das KFZ.

5. Der ständig wechselnde Umgang mit den unterschiedlichsten Schaltungen mit Betätigungen an den lustigsten Stellen und anderen speziellen Bedienelementen, die sich aus irgendwelchen Gründen zumindest teilweise nicht durchgesetzt haben, hält das Hirn auf Trab.

6. Man kauft sich ein Fahrzeug und kauft gleich mehrere Hobbys mit: Fahren, schrauben, sich auf Treffen und Oldtimermärkten herumtreiben – all das gehört schnell dazu zum „Projekt Oldie“.

Apropos Hobby: Ich kann täglich unter Zuhilfenahme meines Hobbys zur Arbeit fahren – welcher Golfer, Schach-Enthusiast oder Kampfhäkler kann das schon von sich behaupten? Und so spart man noch Zeit und Geld, wenn man sich ausreichend Mühe gibt, sich die Sache schön zu reden: Zur Arbeit müsste ich ja ohnehin, und so ist das Hobby im Grunde inklusive.

7. Man erhält ein Stück Geschichte – im Grunde fährt man mit automobilem Kulturgut spazieren, das ist aus diversen Gründen wunderschön.

8. Die Leute freuen sich – im Dienst-VW des Arbeitgebers winkt mir nie einer zu… bin ich allerdings im Trabi unterwegs, ist das keine Seltenheit, und so führte das Blinken, Aufblenden, Hupen und Winken anderer Verkehrsteilnehmer anfangs nicht nur einmal dazu, dass ich meine komplette Beleuchtungseinrichtung überprüft habe.

9. Man kommt im Grunde einem Bildungsauftrag nach – wer von den jungen Leuten heutzutage weiß denn noch, warum man Gemisch tankt? Hantiert man also an der Tankstelle mit Messbecher und Ölkanister oder rührt (völlig unnötigerweise, aber es geht halt) den Tankinhalt mit der Tankanzeige um, die im Wesentlichen aus einem Stöckchen mit Zahlen drauf, das man in den Tank tauchen und hernach den Füllstand ablesen kann, besteht, kann man sich relativ sicher sein, nicht lange allein an seiner Zapfsäule zu sein.
Aber auch unbehelligtes Einkaufen gestaltet sich bisweilen schwierig: Eigentlich findet sich immer irgendwer mit Interesse an dem Fahrzeug, der „nur schnell eine Sache fragen möchte“ und mit dem man sich dann 1,5 Stunden auf dem Parkplatz unterhält (nicht selten kommen im Laufe der Zeit weitere Personen hinzu).

10. Wenn ich das Blech von meinen Kerzensteckern abmontiere, kann ich im Vorbeifahren Euer Fernsehprogramm umschalten – da geht also unter Umständen sogar mehrfach was in Sachen Bildungsauftrag.

Projekte

Als Enkeltochter eines KFZ-Handwerkers liegt es wohl ein wenig in der Natur der Dinge: Ich habe Benzin im Blut, immer irgendein Stück Werkzeug in der Besteckschublade und mein Spirit Animal ist der Winkelschleifer.

Eigentlich bin ich auf den Hof, auf dem ich seit einiger Zeit wohne, aber aus ganz anderen Gründen gezogen: Nachdem dort Tinkis Shetlandpony-Zucht wohnt, bot sich das mit eigenem Pferd einfach an.

Dass das noch aus ganz anderen Gründen irgendwie ganz passend war, wurde mir erst nach einiger Zeit klar, aber mittlerweile ist es mir bewusst geworden: Auch hier denkt, nein lebt man förmlich in Projekten. Bei mir selbst fängt das ja schon damit an, dass ich alte Autos fahre (an denen stets und ständig irgendwas zu tun ist) und hört noch lange nicht damit auf, dass ich noch ein altes Duo stehen habe, das ich „irgendwann mal“ fertig mache, um mal zwei Beispiele zu nennen.

Eines der aktuellsten Projekte: Ein neuer Boden für Nachbars Anhänger – manchmal laufen Projekte hier auch haushaltsübergreifend, und irgendwie involviert ist man ohnehin meistens.

Man könnte die Dinge, die so zu tun sind, natürlich auch einfach so erledigen – ganz ohne Projekt… das endet dann allerdings mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht anders als andere Dinge, die man sich so vornimmt.

Ganz anders ist das bei Projekten: So habe ich irgendwann festgestellt, dass ich zwar seit fast 20 Jahren Kaffee getrunken habe, den aber plötzlich nicht mehr vertrage. Man könnte in so einem Fall ja einfach aufhören, Kaffee zu trinken – man könnte sich aber auch mit dem Thema „Cold Brew“ anfixen lassen, also mit kalt „aufgebrühtem“ Kaffee. Dafür muss man seinen Kaffee selbst mahlen, weil das Zeug aus der Tüte zu fein ist, und Ihr ahnt es schon: Ich habe mir natürlich eine Kaffeemühle besorgt und plütere seitdem regelmäßig in allerschönster Hexenküchen-Manier mit irgendwelchen Flaschen und Filtern herum, was im Grunde schon jedes Mal ein Projekt für sich ist.

Oder die Aktion, die diesem Blog ihren Namen gab: Da habe ich irgendwann mitten in der Nacht begonnen, Tomaten auszusäen… natürlich ist da trotz der Mühe im ersten Anlauf nichts draus geworden, aber auch das ist irgendwie typisch für (meine) Projekte: Erstmal planen, dann irgendwie machen, das Ganze komplett in den Sand setzen und sich dann informieren, wie es richtig geht. Im Falle der Tomaten ging es übrigens richtig, indem ich Nachbarn habe, die das mit den Tomaten offensichtlich besser drauf haben, als ich…

Auch typisch für ein Projekt: Das Ganze reift erst lange Zeit im Geiste, um dann etwas (oder viel bis ziemlich viel) später, wenn ich eigentlich selbst schon nicht mehr damit rechne, unerwartet Fahrt aufzunehmen… so wie die Sache mit der Weide: Seitdem ich weiß, wie diese sich vermehrt und dass Tinki gern ein zweites Exemplar der Weide am Parkplatz hätte, denke ich darüber nach, Wurzeln an einen Zweig des Original-Baumes zu züchten (bisher natürlich erfolglos – siehe vorheriger Absatz, immerhin steht nun allerdings schon mal ein Stöckchen im Wasser).

Und so leben wir hier tagein, tagaus mit und in unseren Projekten… und wenn wir nicht spontan zu Tode gekommen sind (sei es zum Beispiel durch eine unerwartete und vermutlich im Bezug zu irgendeinem Projekt stehende Detonation oder schlicht, weil jemand in ein Loch getreten ist, das gestern garantiert noch nicht da war, sich den Fuß verstaucht hat und in der Folge tragischerweise verhungert ist, weil ihn auf dem weitläufigen Hof niemand rechtzeitig gefunden hat), schmiedet irgendwer bestimmt gerade wieder einen Plan…