Des Kaisers neue Kleider

Auf dem Dorf gehört das Gespräch übereinander zu den Gesprächen miteinander. Es erleichtert das Zusammenleben. Man muss den Nachbarn nicht fragen, ob die geliebte Katze gestorben ist. Es könnte seine Trauer schließlich verstärken. Man erfährt es von dem anderen Nachbarn und hat dann die Chance angemessen mit dem traurigen Nachbarn umzugehen.

Es lohnt sich also Bescheid zu wissen. Man vermeidet Fettnäpfchen. Bis zu einem gewissen Grad wird auch erwartet, dass man sich informiert. Direkte Fragen sind ein bisschen wie des Kaisers neue Kleider. Jeder weiß, dass sie nicht da sind, aber man spricht nicht mit dem Betroffenen selbst darüber. Ich frage mich manchmal, ob das nur in meinem Umfeld so ist, oder ob das eine dieser obskuren, unsichtbaren Regeln unserer Gesellschaft ist.

Mir wird manchmal nachgesagt, ich wüsste Bescheid. Das entspricht nicht der Realität. Oft genug erfahre ich Dinge erst Wochen oder manchmal auch Jahre später. Solche Informationen haben einen Wert und den muss man bezahlen – mit anderen, wirklich neuen Informationen. Und manchmal habe ich keine neuen Informationen und bin darauf angewiesen, dass mir jemand Infos schenkt, die ich als Währung einsetzen kann. Ab und zu habe ich dann Handelsware und sammle auch ältere Geschichten gleich mit ein.

Ich liebe Geschichten und der Wahrheitsgehalt ist zweitrangig. Das wird oft auch nicht auf die Goldwaage gelegt. Da wird immer ein bisschen umgedichtet oder hinzugefügt. Peinlich ist das erst dann, wenn derjenige über den man spricht, diese Geschichte erzählt bekommt. Auch mir sind schon dolle Dinge über mich zu Ohren gekommen. Darüber darf man lachen und sich sicher sein, dass allen Erzählern klar ist, dass nur ein Teil der Story der Wahrheit entspricht.

Opas Schrauben-Eimer

Zum Erwachsenwerden gehören völlig unterschiedliche Dinge – manchmal sind es Dinge, mit denen man gar nicht so richtig rechnet oder auch auch Dinge, die man dem Erwachsenwerden erst auf den zweiten Blick zuschreibt.

Ich zum Beispiel habe neulich Holzschrauben gekauft – allerdings erst das zweite Mal oder so in meinem Leben, was daran liegt, dass ich Opas Schrauben-Eimer geerbt habe und mich um Holzschrauben und Sachen, die im weitesten Sinne damit zu tun haben, eigentlich nie kümmern musste, die waren einfach immer da. Für Maschinenschrauben hatte er unter anderem so ein Ding mit Fächern, wo die Schrauben und Muttern fein säuberlich reinsortiert sind und das steht nun in meiner Werkstatt, aber für Holzschrauben, Dübel, Winkel und allerhand Tüddelkram hatte Opa einen Schrauben-Eimer, den ich kurzerhand mit in mein aktuelles Zuhause genommen habe: Sowas braucht man immer irgendwie mal und dann ist man vorbereitet – aufs Leben und auf Situationen, die eine Holzschraube erfordern.

Opa lebt nun aber schon seit ein paar Jahren nicht mehr und mittlerweile waren die ersten Größen an Schrauben im Eimer aufgebraucht… von einigen waren auch von Anfang an nur sehr wenige da, andere gab es nie in dem Eimer und wiederum von anderen habe ich so viele in meinem Eimer-Erbstück, dass sie mein Leben lang reichen werden. Der Eimer ist auch relativ unsortiert, aber wahrscheinlich werde ich ihn bis ans Ende meines Lebens haben – es ist schon so einiger nützlicher Kram im Schrauben-Eimer, vieles ganz unten (man muss dann überlegen, ob man vorsichtig sucht oder den ganzen Eimer einfach auskippt und man findet dabei manchmal schöne Überraschungen und manchmal auch Dinge, die zurecht ganz unten im Eimer lagen und die man gerade nicht unbedingt gebraucht hätte), manches nochmal irgendwie verpackt und einiges in kleinen Schächtelchen, in denen wiederum ein großes Chaos herrscht, aber im Grunde kommt man mit diesem Eimer in den meisten Fällen relativ weit und bei so mancher Herausforderung, vor der man plötzlich steht, lohnt als erstes ein Blick in Opas Schrauben-Eimer, der gleichzeitig eine völlige Selbstverständlichkeit in meinem Leben ist, die ich noch nie anders kannte und den ich andererseits wie einen Schatz hüte – einen recht unhandlichen, zugegebenermaßen echt schlecht sortierten Schatz, der auf den ersten Blick gar nicht so wertvoll aussieht, mit dem man im Leben aber unheimlich weit kommt.

Im Grunde ist es damit also wie mit allen Dingen im Leben, auf die mein Opa mich so vorbereitet hat.

Auf nach Malle

War eigentlich jeder schon auf Malle? Ich jedenfalls nicht – bisher. Nun wurde ich eingeladen komplett dekadent drei Tage auf Malle zu verbringen. Glücklicherweise in einem Hotel, das 42 Minuten Autostrecke vom Bierkönig entfernt lag. Und da der öffentliche Nahverkehr auf Malle in etwa dem bei uns auf dem Land gleicht, war die berühmte Partymeile auf Mallorca weit, weit weg.

Ich habe dann die Palmen, den Kunstrasen vor dem Hotel und den blauen Pool bestaunt. Der Strand erinnerte an Rügen. Das Eis schmeckte wie in Schwerin. Das Hotel war sehr, sehr freundlich. Und das Wetter im März ein Hauch besser als bei uns. Geregnet hat es trotzdem. Empfehlenswert war der Rotwein aus dem dort heimischen Weinanbau. Das Bier konnte man trinken. Das Essen war richtig gut.

Mein Malle-Fazit: Das wäre hier an der Müritz auch gegangen. Zugegeben – im März wäre es noch etwas sehr kalt, aber dafür würde sich sicherlich ein Hotel mit Kamin finden lassen.

„Zeug aus Tieren“

Die Ereignisse in der Dauerbrenner-Debatte um vegane und vegetarische Produkte mit Namen, die auch Tierprodukte haben, überschlagen sich gerade: Da geht es um Nichtschnitzel, die jetzt anders heißen sollen und um Leder, das keins ist, aber so heißen darf, wenn dabeisteht, dass es vegan ist. Ich komme in der Diskussion seit geraumer Zeit nicht mehr mit, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass ich mich seit ungefähr 30 Jahren vegetarisch ernähre und seit ein paar Jahren so gut wie vegan, jedenfalls aber im Grunde ausschließlich vegan einkaufe und deshalb weiß, was in meinem Essen drin ist und was nicht: Das steht auf jedem verarbeiteten Produkt drauf, das ist nicht geheim und das kann jeder Mensch lesen, der eben lesen kann. Mir ist übrigens, bevor mir wieder irgendwer erzählen will, dass alle bösen Veganer und Vegetarier sämtliche Andersessenden missionieren wollen und jedes vegane Tierzeug-Ersatzprodukt ohnehin nur ein Versuch ist, eigentlich allen alles verbieten oder mindestens vorschreiben zu wollen, völlig egal, was andere Leute essen: Ich muss nicht alles mitmachen, bin aber auch nur für das verantwortlich, was ich tue… so lebt es sich übrigens recht gut.

Zurück zur Benennung von Produkten: Ich verstehe das Anliegen ja schon irgendwie – als vegan gelabelte Produkte ersparen mir zunehmend das Lesen des „Kleingedruckten“ und auch für mich wäre es ja gut, Zeug vom Tier auf den ersten Blick in jedem Produkt erkennen zu können. Ich schlage daher vor, ab sofort alle Produktbezeichnungen direkt hinter der Produktbezeichnung und in gleicher Größe und Schriftart um „mit Zeug aus Tieren“ und „ohne Zeug aus Tieren“ zu ergänzen… „Brot mit Zeug aus Tieren“ kaufe ich dann einfach nach dem ersten Blick auf die Verpackung nicht, weil ich den Planeten schützen will, soweit ich kann, weil ich was von Tierschutz halte und weil ich es unnötig finde, wenn in einem Produkt viel mehr Zeug drin ist, als da rein müsste. Hate-Speech-Fred-Günther hingegen hat es dann viel einfacher dabei, wenn er, wie er ungefragt unter jedem veganen Kochrezept auf Social Media kommentiert, jetzt erstrecht nur noch Tiere isst, weil Veganer doof sind, hohe Cholesterinwerte hingegen toll. Dann ist zum Beispiel auch die Bezeichnung „Gummibärchen“ noch eindeutiger – in „Gummibärchen mit Zeug aus Tieren“ sind dann zwar immernoch keine Bärchen drin, aber man kann auf Anhieb sicher sein, dass wenigstens Glibber aus gekochten Knochen, Häuten und anderen Tierresten oder dieses Farbstoff-Zeugs aus Läusen oder so drin ist… das ist doch eine gute Idee?

Okay – wie wir mit anderen, ganz schön verwirrenden Sachen umgehen, so wie Poolnudeln, weiß ich gerade auch noch nicht, aber da fällt mir bestimmt auch noch was ein.

Von der Stadt aufs Land

Es gibt so Menschen, die haben das Herz auf der Zunge und damit unglaublich viele Fettnäpfchen in Reichweite. Ich denke, ich zähle auch dazu. Die Menschen in meiner Umgebung verzeihen mir das erstaunlicherweise in den meisten Fällen, oder sie verschweigen es mir einfach.

Ich komme vom Dorf, ich habe in verschiedenen Dörfern in unterschiedlichen Bundesländern gelebt und ich wohne im Dorf. Die Sache mit der Stadt ist mir suspekt. So viele Menschen auf einen Haufen – die kann man nicht alle kennen. Im Dorf ist das anders. Irgendwie sind alle im Dorf Nachbarn. Die Sympathie ist unterschiedlich, aber man kennt sich. Und wenn dann Menschen, die hauptsächlich in der Stadt gelebt haben, ihre Liebe zur Natur entdecken und aufs Dorf ziehen, dann muss ich oft schmunzeln. Und ja – ich gebe es zu – ich mache mich auch darüber lustig.

Wenn ich mich dann aber darüber lustig mache und das ausgerechnet Menschen erzähle, die auch von der Stadt aufs Dorf gezogen sind, dann habe ich das nächste Fettnäpfchen erreicht. Aber es ist auch zu komisch, wenn man jemanden im Konsum im Dorf sieht, der in geputzten Schuhen, das schicke Outfit an, die Haare gelegt und geschminkt zum Einkaufen geht. Sehr interessant auch die helle, beige Hose, die getragen wird, wenn das Herbstfeuer stattfindet. Geleckte Vorgärten gibt es auch von Dorfbewohnern, aber da ist immer eine gewisse Pragmatik drin. Ist der Vorgarten so schick wie der Eingangsflur einer Stadtwohnung, dann hat in dem Haus jemand längere Zeit in der Stadt verbracht. Auch die Aufregung über den streunenden Hund hält sich bei der Dorfbevölkerung in Grenzen. Der findet schon wieder nach Hause.

Und ja – es wird getratscht. Das ist manchmal unfein, aber geht meistens über das Dorf nicht hinaus. Wie in einer Familie, wo man über den anderen lästert, aber kommt jemand von außen, wird selbst der blöde Onkel verteidigt. Und die Zugezogenen müssen erst beweisen, ob sie zu diesem Zirkel dazugehören dürfen. Dafür müssen sie wissen, ob der Ur-ur-ur-uropa den Esel vom Nachbarn geklaut hat und das deswegen die lebenslange Fehde besteht. Von den Geschichten der letzten 50 Jahre ganz zu schweigen. Wer Hufe 12 gewohnt hat, kann man wohl gerade noch behalten. Und das die alte Bockmühle oben an der Hauptstraße gestanden hat, sollte man wissen. Wenn man das geschafft hat, dann darf man auch mal über jemanden reden. Aber am besten nur Nettes! Schon für das eigene Gewissen.

Die Urkundenverleihung

„… und dann verleihen wir Ihnen noch die Urkunde.“
„Aber ich will die dann behalten!“
„Was?“
„Da steht mein Name drauf, was sollte irgendjemand anderes überhaupt mit dem Ding anfangen?“
„Öhm…“
„Ich will die nicht nur verliehen haben – wenn, dann muss das schon meine sein dann!“
„…“

Wie man Leute in den Wahnsinn treibt zieht, Teil 248.

10 Gründe gegen Silvesterfeuerwerk

Inspiriert von diversen Diskussionen zu dem Thema von „schadet Tieren, Umwelt, gegebenenfalls Kriegstraumatisierten und Leute sprengen sich unnötig Gliedmaßen ab“ über „das ist Brauchtumspflege und ich lasse mir nicht auch meine Böller noch wegnehmen“ bis hin zu „wir müssen uns irgendwas ausdenken, wie wir Leute dazu bringen, das selbst abzulehnen“ hier nun zehn Fakten über Silvesterfeuerwerk… ob diese nun echt oder alternativ sind, müsst Ihr bei Bedarf selbst rausfinden… los geht’s:

1. Silvesterböller sind vegan. Vegan ist böse. Böller essen Eurem Essen das Essen weg.

2. Die bunten Böller und Raketen sind Zeichen für Vielfalt und Diversität. Im Grunde ist böllern, als würde man eine Regenbogenflagge hissen. Regenbogenflaggen sind böse.

3. Die meisten Leute, die böllern, gendern auch. Böllern und gendern hat sogar dieselbe Wortendung. Zufall? Ich glaube nicht!

4. Feuerwerk ist nur eine Erfindung der Industrie! Wer sowas kauft und unterstützt, unterstützt auch das System!

5. Apropos System: Die Regierung / irgendeine Social-Media-Plattform / die Illuminaten überlegen schon lange, das Böllern zur Pflicht zu machen. Indem Ihr nicht mehr mitmacht, umgeht Ihr das System. Freie Gestaltung des Silvesterabends für freie Bürger!

6. Apropos Regierung: Böllern ist irgendwie politisch. Also, bestimmt, und bestimmt unterstützt das irgendwen oder irgendwas, den oder das Ihr eigentlich voll blöd findet. Schaut halt mal in diverse Parteiprogramme! (Wahrscheinlich steht in den wenigsten Parteiprogrammen was zu Silvesterfeuerwerk, aber politische Bildung kann nie schaden, also schaut da wirklich mal rein.)

7. In Böllern und Raketen sind Chemtrails… auch damit werdet Ihr ohne, dass Ihr es wollt, geimpft, gechipt oder beides. Ihr findet Impfungen ganz okay? Dann werden Eure Impfungen durch die Inhaltsstoffe des Feuerwerks halt alle unwirksam.

8. Wacht auf!! Also – tut man bei dem Geknalle eh, aber ich wollte das schon immer mal möglichst zusammenhangslos irgendwo schreiben, jetzt isses halt soweit.

9. Irgendwas mit dem Chef von Gesichtsbuch oder dem Chef eines großen Elektroautomobilherstellers… alternativ irgendeines Staatsoberhauptes von irgendwo. Jedenfalls Verschwörung und so!

10. Es war mit extrem viel Arbeit machbar, meine Pferde davon zu überzeugen, nicht wie früher wild herumzurennen – immer mit der Gefahr von schweren Unfällen oder Verletzungen verbunden, aber in jedem Fall mit ganz viel Angst bei mir und den Tieren. Ich habe heute noch das Handy an Silvester griffbereit – das ist sonst bei den Pferden eigentlich nie dabei, aber ich weiß an diesem Abend nie genau, was passiert… im besten Fall kann ich ein Video wie das folgende drehen, im schlechtesten Fall muss ich den Tierarzt rufen, weil sich ein Pferd verletzt hat… oder die Feuerwehr, weil mir jemand mein Heu angezündet hat… oder alle Nachbarn, weil die Pferde durch den Zaun gegangen und im Dorf unterwegs sind. Im Dunkeln. Auf der Straße. Während weitergeböllert wird. Ich will mir das nicht mal vollständig vorstellen.

Auch dieses Jahr ist wieder alles gutgegangen… allerdings auch, weil ich da viel Arbeit reinstecke, weil ich das Handwerkszeug dazu habe und weil auch dieses Jahr einfach wieder auch ein bisschen Glück dabei war. Andere Leute, andere Tiere und andere Situationen fügt das Glück nicht so gut zusammen und jedes Jahr gibt es Verletzte und Tote bei Mensch und Tier, vermeidbare Unfälle, Brände und Unglücke.

Ich mag wirklich gern Feuer, mache selbst Feuerkunst und bin kein Freund davon, alle möglichen Dinge zu verbieten, aber alle Dinge haben ihre Zeit, ihren Ort und ihre vernünftige Art und Weise, sie umzusetzen. Ihr mögt Feuerwerk? Warum verballert Ihr dann irgendwelche Dinger, die „puff“ machen, anstatt zum nächsten großen, professionellen Feuerwerk zu fahren, das wirklich toll aussieht und das Ihr Euch kostenlos anschauen könntet? Ach – Ihr wollt selbst was anzünden? Warum kann das dann nicht auf dafür geeigneten Flächen passieren, sondern auch hier rund um die Höfe voll mit Tieren, in der Nähe der Heumieten, neben und damit auch über den Weiden von Tieren und in der unmittelbaren Nähe der Wälder? Ich hab ja echt Verständnis für viele Dinge, aber dass jeder überall selbst alles Mögliche anzünden muss, weil ein neues Jahr anfängt… nee, an der Stelle hört es bei mir dann auf.

Dieser Blogpost kann insbesondere in seinen ersten Absätzen Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten. Wer alternative Fakten findet, darf sie behalten. Auch seine Traditionen und Brauchtümer darf von mir aus jeder behalten – aber es schadet sicher nicht, sie mal auf ihr Verfallsdatum zu überprüfen und zu schauen, ob sich nicht wenigstens irgendwas an ihnen optimieren lässt, wenn sie noch gut, aber irgendwie auch nicht mehr so richtig gut sein sollten.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern von Mondscheintomate ein frohes und gesundes neues Jahr!

Lernen vom Schrauber-Druiden

Ein Schrauber zu sein ist ein bisschen, als sei man ein Magier oder eine Hexe. Es gibt einen Haufen geheimes Wissen im Bund der ölfingerigen Hexenmeister und niemand, der nicht zum inneren Kreis der Schrauber gehört, wird dieses Wissen jemals durch Zufall erlangen.

Das ganze läuft nämlich folgendermaßen ab: Als junger, unerfahrener Schrauber-Novize mühst Du Dich an irgendeinem Scheiß an Deinem Vehikel ab, während irgendein Schrauber-Druide Dich beobachtet, für in irgendeiner Form würdig empfindet und beschließt, dass er heute gute Laune hat. Er nähert sich daraufhin der Szenerie und beginnt seinen Satz mit „Hör mal…“ oder „Guck mal…“ und dann tust Du wirklich gut daran, zu hören, zu gucken oder am besten gleich beides, denn was nun folgt, ist Schrauber-Geheimwissen und wird Dein Leben nachhaltig verändern!

Schon in relativ jungen Jahren lernte ich auf diese Art und Weise, wie man zwei Schraubenschlüssel derart ineinander verkeilt, dass man sie wie einen langen verwenden und damit entweder eine festsitzende Schraube lösen oder sich die Finger brechen kann. Ich weiß auch, wie man eine Schraube oder oft auch nur den festsitzenden Rest einer solchen mit einem Hammer und einem Meißel entfernt und ich kann im Grunde sämtliche Flüssigkeiten, die sich in einem motorbetriebenen Fahrzeug befinden, voneinander unterscheiden – die meisten übrigens tatsächlich am Geschmack.

Auf diese Art und Weise habe ich in den letzten Jahrzehnten einiges an Spezialwissen, das in keinem Buch zu finden ist, erlangt. Das meiste empfinde ich wahrscheinlich gar nicht als solches… das wird einem immer erst wieder bewusst, wenn man ein Nichtmitglied des Geheimbunds der Schrauber mit Werkzeug hantieren sieht und plötzlich wieder mit großer Dankbarkeit seinen Lehrmeistern gegenüber erfüllt ist.

Wie man selbst nun solch ein Schrauber-Druide wird? Ich weiß es gar nicht. Wird man sich irgendwann darüber bewusst, welcher Teil seines Erfahrungsschatzes nun Spezialwissen ist? Kommt da irgendwann jemand vorbei und verleiht einem eine Urkunde? Gibt es irgendeinen geheimen Wettbewerb, zu dem man eines Tages eingeladen wird und sein Können unter Beweis stellen muss? Ich kann mir das alles nicht so recht vorstellen. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass das selbst die Druiden nicht so genau wissen und man einfach irgendwann zu jemandem geht und einen Satz beginnt mit: „Guck mal…“

Grillzangen-Action am Parkscheinautomaten

Ich treibe mich ja relativ viel im Internet herum – wahrscheinlich mehr, als das eigentlich gut für mich wäre. Es ist also nicht verwunderlich, dass ich vor gar nicht allzu langer Zeit auf ein Video stieß, in dem zu sehen war, wie jemand vergleichsweise döschig an einen Parkscheinautomaten heranfuhr und den von diesem abgesonderten Parkschein mit einer Grillzange entnahm. Nun tun ja relativ viele Leute relativ viele unnötige Dinge, wenn man mal so in dieses Internet oder auch in seine Umgebung im real life schaut, aber ich dachte, dieser wirklich große Quatsch müsse nun wirklich ein Internet-Phänomen sein… im wirklichen Leben würde sowas wohl niemals jemand machen, weil der ganze Move viel umständlicher ist, als einfach wie ein Mensch dicht genug an den Automaten heranzufahren.

Ja, das dachte ich.

Hold on.

Es begab sich eines schönen Tages, dass ich mit einer an dieser Stelle aus Datenschutz- und weiteren Gründen namentlich nicht genannten Person nach Rostock zur Kunsthalle fuhr. Also – sie fuhr, ich saß daneben und hatte mich gleichermaßen für das Entertainment wie für blöde Kommentare als zuständig erklärt… das muss schließlich auch jemand machen. In und an der Kunsthalle selbst war auch noch alles relativ unaufregend… Kunst halt und’n recht schmuddeliger Herbsttag, was will man erwarten?

An sich ganz schön so in und an der Kunsthalle – zumindest vom Park davor habe ich Euch sogar ein Foto mitgebracht.

Doch sämtliche meiner Erwartungen an den Tag sollten ausgerechnet im Parkhaus, welches wir in Vorbereitung auf die Nahrungsaufnahme in einem Sushirestaurant meines relativ geringen Misstrauens aufsuchten, übertroffen werden: An der Einfahrt ins Parkhaus dachte ich noch, na, ob sie da jetzt richtig schäbig ranfährt und einen halben Stunt aus dem Fenster hinlegt? Allerdings fuhr die Fahrerin relativ unangestrengt an den Parkticketokolyten heran und während ich noch einzuschätzen versuchte, ob das wohl passen würde, zog sie aus irgendeiner Ritze des Fahrzeugs tatsächlich eine Grillzange durchschnittlichen Ausmaßes. Ich hatte noch gar nicht realisiert, wo das Ding auf einmal hergekommen war und was dann geschah, da war die Zange schon samt des von ihr eingesammelten Gutes wieder im Kraftfahrzeug und wir hatten mit selbigem ohne weitere Zwischenfälle die Schranke passiert.

Wilde Nummer.

Laut Anwenderin ist das Ding allerdings noch ein bisschen rutschig – es muss wohl noch eine Gummierung vorgenommen werden und als ich meine Sprache wiedergefunden hatte, konnte ich dazu dann auch wieder eine relativ gute Idee äußern. Wenn das Teil also optimiert ist, kann ich es für Euch vielleicht mal im Einsatz filmen- immerhin bin ich jetzt darauf vorbereitet und außerdem wollen wir wenn’s passt eigentlich nächstes Jahr wieder in die Kunsthalle.

Festival

Im ländlichen Raum ist ja vieles weniger vorhanden: Weniger Einkaufsmöglichkeiten, weniger Freizeitangebote, weniger Ärzte, weniger Schulen, weniger Kneipen…. Die Liste lässt sich vermutlich beliebig verlängern. Aber es gibt auch Dinge, die sind deutlich mehr vorhanden. Klar – Gegend gibt es hier mehr und Natur. Aber das liegt in der Natur der Dinge. Es gibt auch mehr Tiere. Manche davon sind auch Haustiere und andere ungewollt Haustiere.

Und dann gibt es etwas, das geht im städtischen Raum irgendwie gar nicht oder nennt sich da Demonstration oder Love Parade oder so ähnlich – Festivals.

Hier ist endlich mal Platz und nur so ein paar Menschen, die ihr Fenster zumachen und sich Ohrstöpsel in die Ohren stecken müssen. Der eine Tag Stau in einem 400 Seelendorf ist doch eine nette Abwechslung. Die lustigen Menschen, die vergessen haben, dass der Konsum um halb zwölf am Samstag schließt, sorgen immer wieder für Stimmung. Die ganz großen Festivals haben deswegen die Discounter auf ihrem Gelände.

Und sonst? Man hört die ganzen Tage in 20 Kilometer Entfernung noch die Bässe. Kostenlose Eintrittskarten? Gibt es nur für die ganz geplagten, ganz nah wohnenden Leidenden. Da man sich auskennt, kann man einen kostenlosen Platz in der Nähe finden, an dem man etwas vom Feuerwerk sieht. Das Feuerwerk, das mal eben das Wild und die Vögel vertreibt. Ich frage mich warum ich in der Brut- und Setzzeit meinen Hund anleinen muss, wenn ein Festival das auch so erledigt.

Ich gestehe, ich bin von der Sache kein so großer Fan. Geht das nicht kleiner? Und rücksichtsvoller? Vielleicht hat die nächste Generation keine Lust mehr mit Gummistiefeln durch den Matsch zu Bühnen, auf denen man kaum etwas sieht, mit überteuertem Essen und mangelhaften Toiletten. Dann kann ich wenigstens meine Rente in Ruhe im ländlichen Raum genießen.