Es wächst

Was wächst? Quasi alles! Bei mir auf jeden Fall das Gras. Und das Unkraut wächst auch. Mit solchen Dingen wächst mitunter auch der Frust. Ich bin noch damit groß geworden, dass ein aufgeräumtes Grundstück und vor allem ein gemähter Rasen anzeigen, dass man sein Leben im Griff hat. Turns out – auch Menschen, die eine hübsche Fassade und einen englischen Rasen haben, haben ihr Leben nicht im Griff; also jedenfalls nicht den Teil auserhalb des Rasens.

Man kann also nicht von dem einen auf das andere schließen. Diese Erkenntnis ist in allen Lebenslagen wichtig. Wer schön redet, hat eventuell einen schlecht gemähten Rasen. Und Menschen wie ich, mit meinem naturnahen Garten, haben ihre E-Mails im Griff. Irgendwie sind wir alle nischenbegabt.

Schade ist es, wenn sich darum gestritten wird, ab wann jemand im sozialen Leben ein Problem ist. In manchen Gegenden hat man das Gefühl, man sei ein soziales Problem, weil man seinen Rasen nicht mäht. Dort wo ich wohne, ist das bei den meisten Nachbarn nicht so, aber es gibt Ausnahmen. Ich nenne das die unsichtbaren Regeln, oder die „Das macht man nicht.“.

Es wird einem das Gefühl vermittelt, die unsichtbaren Regeln wären früher einheitlicher gewesen und konsequenter durchgesetzt worden. Liebe Leute – das ist nicht so. Früher zog man nur nicht soviel um. Das Problem war schon immer da. Die Frage ist eher – Wächst das auch?

Rasen mähen weil der Nachbar guckt

Mein Garten ist naturnah. Jedenfalls erzähle ich das jedem, der es merkwürdig findet, dass so viele Brennnesselhorste auf meinem Grundstück sind. Immerhin beherbergen die Brennnesseln die Raupen vom Admiral, vom Kleinen Fuchs oder vom Tagpfauenauge. Nun ist mein Grundstück sehr groß und das Unkraut könnte auch hinten wachsen, denn in Wahrheit komme ich mit der Pflege einfach nicht hinterher. Oder an manchen Tagen, wenn es kalt ist, regnet oder zu heiß ist, habe ich keine Lust. Weniger gärtnern ist mehr. So lautet dann mein Wahlspruch und der naturnahe Trend kommt meiner faulen Haut entgegen.

Das hindert aber im Dorf niemanden daran, mich auf den langen Rasen anzusprechen. Meine Bemühungen Naturschutz zu erklären, werden mit einem mitleidigen Lächeln oder hochgezogenen Augenbrauen quittiert. Es nutzt also nix – da muss ich drüber stehen oder eben doch mal das Grundstück, wenigstens zur Straße hin, pflegen. Das Stück Rasen der Gemeinde, das sich zwischen Gehweg und Straße befindet, halten wir inzwischen relativ kurz. In jungen Jahren haben wir da die Ponys drauf gestellt. Heute sehen wir es ein, dass ein ansprechendes Dorfbild nur erreicht werden kann, wenn dieses Stück regelmäßig gemäht wird. Man macht da so eine Metamorphose durch. Modern wird das wohl als Inklusion bezeichnet. Es passiert eine Anpassung an die örtlichen Sitten und Gebräuche.

Das ist ja auch nicht immer schlecht. Bei meinen Brennnesseln bleibe ich hartnäckig. Aber den Rinnstein putze ich. So im Laufe der Jahre ist mir klar geworden, dass es Sinn macht, wenn das Wasser auf der Straße vernünftig abfließen kann. Und das geht eben nur mit einem sauberen Rinnstein. Und ein Blumenbeet zur Straße hin gibt es inzwischen auch. Es ist immer noch ein bisschen naturnah, weil da bienenfreundliche Pflanzen stehen. Aber es wird auch gekratzt und gejätet, damit die Nachbarn was zu gucken haben. Und wenn sich ein Tourist verirrt, dann ist er angetan von der Blütenpracht. Der äußere Schein ist zwar nicht alles, aber trotzdem der erste Eindruck. Es kann ja nicht schaden, wenn der angenehm ist.