Des Kaisers neue Kleider

Auf dem Dorf gehört das Gespräch übereinander zu den Gesprächen miteinander. Es erleichtert das Zusammenleben. Man muss den Nachbarn nicht fragen, ob die geliebte Katze gestorben ist. Es könnte seine Trauer schließlich verstärken. Man erfährt es von dem anderen Nachbarn und hat dann die Chance angemessen mit dem traurigen Nachbarn umzugehen.

Es lohnt sich also Bescheid zu wissen. Man vermeidet Fettnäpfchen. Bis zu einem gewissen Grad wird auch erwartet, dass man sich informiert. Direkte Fragen sind ein bisschen wie des Kaisers neue Kleider. Jeder weiß, dass sie nicht da sind, aber man spricht nicht mit dem Betroffenen selbst darüber. Ich frage mich manchmal, ob das nur in meinem Umfeld so ist, oder ob das eine dieser obskuren, unsichtbaren Regeln unserer Gesellschaft ist.

Mir wird manchmal nachgesagt, ich wüsste Bescheid. Das entspricht nicht der Realität. Oft genug erfahre ich Dinge erst Wochen oder manchmal auch Jahre später. Solche Informationen haben einen Wert und den muss man bezahlen – mit anderen, wirklich neuen Informationen. Und manchmal habe ich keine neuen Informationen und bin darauf angewiesen, dass mir jemand Infos schenkt, die ich als Währung einsetzen kann. Ab und zu habe ich dann Handelsware und sammle auch ältere Geschichten gleich mit ein.

Ich liebe Geschichten und der Wahrheitsgehalt ist zweitrangig. Das wird oft auch nicht auf die Goldwaage gelegt. Da wird immer ein bisschen umgedichtet oder hinzugefügt. Peinlich ist das erst dann, wenn derjenige über den man spricht, diese Geschichte erzählt bekommt. Auch mir sind schon dolle Dinge über mich zu Ohren gekommen. Darüber darf man lachen und sich sicher sein, dass allen Erzählern klar ist, dass nur ein Teil der Story der Wahrheit entspricht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert